Mein Aufenthalt in Krakau (11 Juni – 12 Juli 2014)  in Hinblick auf das Thema der zweiten Generation in Polen

Meine Grundfrage war, ob es ganz aktuell eine Beschaeftigung mit dem Thema der zweiten Generation in Polen auf allgemeiner, breiter, gesamtgesellschaftlicher Ebene gibt.

Zu diesem Thema unterhielt ich mich ausfuehrlich mit Sławomira Walczewska, Alina Doboszewska, Żanna Słoniowska, Anna Lipowska-Teutsch und anderen im Zusammenhang mit mehreren Veranstaltungen. So fand am 3 Juli in Schindlers Fabrik in Krakau die Filmvorfuehrung von „Jugów“ statt mit anschließender Podiumsdiskussion, an der ich teilnahm. Und am 8 Juli hatte ich selber einen Autorenabend unter dem Titel „Podróże pamięci“ (Erinnerungsreisen) in der zentral in der Krakauer Altstadt gelegenen Buchhandlung De Revolutionibus, wo ich aus meinem Buch „Reise nach Schlesien und Galizien“ las und danach mit dem Publikum ins Gespraech kam.

Bei all diesen anregenden Begegnungen erfuhr ich Folgendes: Bislang war die Beschaeftigung mit der zweiten Generation der Holocaust-Ueberlebenden relativ verbreitet in Polen. Zu den wenigen, die sich ausfuehrlicher mit dem Thema der zweiten Generation beschaeftigen, gehoert etwa Ewa Graczyk, Professorin fuer Polonistik in Danzig. In ihrem Essay „Wnuczki wojny“ (Kriegsenkelinnen) geht es nicht nur um ihre Suche nach Kriegsenkelinnen in der polnischen zeitgenoessischen Literatur, also um biographische Texte oder um die Verarbeitung biographischer Praegungen hinsichtlich der zweiten Generation in fiktionalen Texten, sondern auch um ihren eigenen, sehr persoenlichen Zugang zu diesem Thema. Weiterhin gehoert zu den wenigen, die sich mit dieser Thematik beschaeftigen, die Krakauer Autorin Katarzyna Turaj-Kalińska, die in ihrem aktuellen Essay „Kresy 1943“ das Schicksal ihrer Familie waehrend des Wolhynienmassakers 1943, bei dem Ukrainer viele Polen toeteten, beschreibt, eine historische Greueltat, vor der ihre Familie fliehen musste. Ihr Essay, aus dem sie ebenfalls in der Buchhandlung De Revolutionibus las und mit ihrer Mutter im Anschluss darueber sprach, besteht aus einer Mischung aus erzaehlten Geschichten der Erlebnisgeneration und ihrer eigenen Praegung dadurch als sogenannte Nachgeborene.

Schon im Jahr 2008 gab die Krakauer Psychologin Anna Lipowska-Teutsch zusammen mit Ewa Ryłko zwei Aufsatzsammlungen ueber Kriegsfolgen heraus, „Pamięć wędrówki“ und „Kobiety wędrowne“ (Das Gedaechtnis der Wanderungen und Wanderfrauen). Immer wieder wird in den Aufsaetzen die Situation zwischen den beiden Generationen beschrieben. Es geht in den Aufsatzsammlungen um den Holocaust in der Erinnerung, um muendliche Erzaehlung im Gegensatz zur Geschichtsschreibung, um Vergangenheit, Gedaechtnis und Traumata umgesiedelter Frauen, um die Kresy, um die Aktion Weichsel, um Repatrianten und Migranten. An diesen oral-history-Projekten wird mit weiteren Interviews und Publikationen weitergearbeitet.

Eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Thema der zweiten Generation spielt die Krakauer Publizistin und Philosophin Sławomira Walczewska, die darueber in der Zeitschrift „Zadra“ einen Text unter dem Titel „Droga i dom“ (Weg und Haus) veroeffentlichte. Hier setzt sie sich kritisch mit dem Essay „Vagabundinnen“ der deutschen Feministin Christina Thuermer-Rohr auseinander. Thuermer-Rohr, selbst Kind von Vertriebenen aus Schlesien, beschwoert in ihrem Essay die Nicht-Seßhaftigkeit als notwendig und positiv, was Sławomira Walczewska als unzulaenglich kritisiert. Sławomira Walczewska, die sich auch als Dokumentarfilmerin einen Namen gemacht hat, nennt als Motivation, sich mit dem Thema der zweiten Generation zu beschaeftigen, die Stille, das Schweigen von Tausenden, von Millionen von Polen und Polinnen, das spaetestens ab 1990 immer unertraeglicher wurde.

Einfache Leute aus der Erlebnisgeneration langsam zum Sprechen zu bringen ist die große Leistung der beiden Dokumentarfilme von Sławomira Walczewska und Alina Doboszewska, „Jugów“ (2011) und „Krasne Busk“ (2012).

„Jugów“ spielt im ehemals deutschen Hausdorf im schlesischen Eulengebirge, nach 1945 in Jugów umbenannt, und zeigt aeltere polnische Einwohnerinnen des Dorfes, die sich vor der Kamera an den Krieg, an ihre Vertreibung und Umsiedlung aus dem Osten Polens, heute Ukraine, und die Neuansiedlung im ehemals deutschen Dorf erinnern. „Krasne Busk“ ist ein Film ueber das Dorf im ehemaligen Ostpolen, heute Ukraine, aus dem viele der umgesiedelten Frauen in Jugów stammten. Der Film „Jugów“ wird oft gezeigt, erzaehlen die Regisseurinnen, in verschiedenen Staedten, in Kulturzentren und bei Festivals. Die Reaktionen des Publikums sind ueberwiegend positiv, ja oft wie befreit. Die Zuschauer geraten nach dem Film ins Reden, da durch ihn verschuettete und fuer verboten gehaltene Erinnerungen ausgeloest werden.

Das Schweigen aufzubrechen, die zugedeckten Erinnerungen ans Licht zu holen, ist das Anliegen nicht nur dieser Dokumentarfilmerinnen, sondern etlicher aufgeschlossener Intellektuellen in Polen.

Roswitha Schieb

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