Die Vergangenheit unter Heu und Stroh

 

Von Roswitha Schieb

Krakau empfängt mich mit dem schönsten Wetter, mit tiefblauem Himmel, warmer Luft, klaren Schatten. Ich nehme teil am Erasmus+-Programm zum Thema Folgen des Zweiten Weltkriegs für die nächste Generation, ein Programm, zu dem mich die Berliner Frauenorganisation S.U.S.I. entsandt hat. Die gastgebende Organisation eFKa in Krakau nimmt mich freundlich auf. Ich bereite mich auf die erste Veranstaltung vor, die am Freitag, den 8. 7. 2016 in Krakau stattfinden soll, und zwar zum Thema „Poniemieckosc“, ein Gespräch über das Phänomen des ‚Postdeutschen‘ in den polnischen Westgebieten, den sogenannten ‚wiedergewonnenen‘. Durch die Veranstaltung führen wird Beata Kozak, eine der beiden Vorstandsmitglieder von eFKa. Es wird bei diesem Gespräch um die Folgen der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg für die nächste Generation gehen, in Deutschland wie in Polen.

Die Schriftstellerin Olga Tokarczuk, Tochter einer aus Ostpolen nach Schlesien vertriebenen Familie, beschreibt die Folgen der Vertreibung aus polnischer Sicht und der Neuansiedlung in den ehemals deutschen Gebieten sehr eindrucksvoll: „In privaten Erinnerungen, in Familienerzählungen kehrt das Drama mit der Hartnäckigkeit eines Albtraums wieder – zerrissene Familienbande, verschollene Familienmitglieder, verbrannte Dokumente, eine unbestimmte Nostalgie und Sehnsucht nach den Geburtsorten, die Faszination von Gegenständen, die im Chaos dauerhafter zu sein scheinen als die Menschen und die Erinnerung an sie; das Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die man sich erst und immer wieder zu Eigen machen muss, ihre Undurchschaubarkeit, und das Empfinden, Unrecht erlitten zu haben.“ Und sie empfiehlt, die Brüche verschiedenster Biographien als schmerzhafte Zumutungen zu benennen und festzuhalten, ohne ihre Widersprüche aufzulösen: „Unser Teil Europas hätte ein großes Gemälde verdient, eine Freske, die die Ereignisse vor fünfzig Jahren in einen einheitlichen Rahmen brächte und die erschütternde Wahrheit zeigte: Der Mensch, der seinen Ort verlassen muss, gibt einen wesentlichen Teil seiner selbst auf, er wird Opfer einer brutalen Amputation. Phantomschmerzen werden ihn bis ans Lebensende quälen.“

Für problematische Bereiche in der polnischen Vergangenheit gab es bis 1990 keinen Platz im öffentlichen Diskurs, es existierte keine Form, wie mit traumatischen Erlebnissen umzugehen war – so erzählt Slawomira Walczewska, das andere Vorstandsmitglied von eFKa. Menschen aus der Erlebnisgeneration allmählich zum Sprechen zu bringen ist die große Leistung der beiden Dokumentarfilme von ihr und Alina Doboszewska, Jugów (2011) und Krasne busk (2012). Jugów spielt im ehemals deutschen Hausdorf im schlesischen Eulengebirge, nach 1945 in Jugów umbenannt, und zeigt ältere polnische Einwohnerinnen des Dorfes, die sich vor der Kamera an den Krieg, an ihre Vertreibung und Umsiedlung aus dem Osten Polens, heute Ukraine, und die Neuansiedlung im ehemals deutschen Dorf erinnern. „Krasne Busk“ ist ein Film über das Dorf im ehemaligen Ostpolen, heute Ukraine, aus dem viele der umgesiedelten Frauen in Jugów stammten. Der Film „Jugów“ wird oft gezeigt, berichten die Regisseurinnen, in verschiedenen Städten, in Kulturzentren und bei Festivals. Die Reaktionen des Publikums sind überwiegend positiv, oft wie befreit. Die Zuschauer geraten nach dem Film ins Reden, da durch ihn verschüttete und für verboten gehaltene Erinnerungen ausgelöst werden. So erzählte eine etwa Dreißigjährige, dass sie als Kind im Nachbardorf von Jugów oft bei ihren Großeltern zu Besuch war, wo sie mit anderen Kindern bis in die Neunzigerjahre hinein das Spiel spielten „Die Deutschen kommen zurück“, so unsicher wurde das Terrain noch fünfzig Jahre nach Kriegsende empfunden.

Die Filme haben das Ziel, nicht nur polnische, sondern auch ukrainische und deutsche historische Zusammenhänge zu beleuchten, sie wollen wegkommen vom polnischen Nationalismus und Revanchismus und sollen möglichst international gezeigt werden. Die Mit-Regisseurin Alina Doboszewska, die als Kind oft ihre Großeltern in Jugów besuchte, erzählt, dass sie sich, als sie lesen konnte, sowohl über die deutschen Aufschriften auf den Bildern im Wohnzimmer wunderte als auch über die alten deutschen Straßenschilder, die sie im Stall unter dem Heu fand. Sie spürte, dass hier etwas nicht stimmte, aber es war ein Tabu, danach zu fragen.

Dasselbe erlebte sie Jahrzehnte später in dem früher ostpolnischen, heute ukrainischen Ort, zu dem sie sich aufmachte, weil ihre Eltern daher stammten: dort erzählte ihr eine Russin, dass sie im Stall unter dem Stroh alte polnische Schilder gefunden habe, die ihr anstößig vorgekommen seien und über die sie mit niemandem gesprochen habe. Dieses Schweigen zu brechen, die verborgenen Erinnerungen unter dem Heu hervor ans Licht zu holen, ist das Anliegen nicht nur dieser Dokumentarfilmerinnen, sondern etlicher aufgeschlossener Künstler und Historiker in Polen.

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Hier enden die Berichte des ERASMUSplus-Projektes 2016-2017

Den europäischen Friedensraum sichern – Aus Biografien lernen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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