Deutsche und polnische Archäologie

Von Roswitha Schieb

Als ich gestern durch die Krakauer Straßen ging, fielen mir an der ulica Smolensk ein paar Häuser auf, unter deren Putz alte Aufschriften hindurchschimmerten. Bereits gewöhnt an den leichten Kitzel, den derartige Wörter an Hauswänden in mir hervorriefen, wenn ich sie in Breslau oder Stettin entdeckte, stellte ich hier fest, dass die Aufschrift in Krakau, „L. Kmiecik“ (Bild links), unter dem Putz der Neuzeit naturgemäß auf polnisch erschien. In Breslau oder Stettin hatten sich Schriften unter dem Putz oder auf alten Gullideckeln in den allermeisten Fällen auf deutsch gezeigt, so die „Wollwaren“ und das „Stettiner Wasserwerk“ (Bilder rechts). Das, was in Breslau oder Stettin unter dem Putz hervorkam, betraf immer eine fremde Vergangenheit, eine archäologische Schicht der Stadt, die mit der polnischen Geschichte dieser Städte seit 1945 nichts zu tun hatte. Ganz anders in Krakau.

Hier gab es diesen Bruch nicht, hier existiert eine Kontinuität der Geschichte, der eigenen, polnischen Geschichte. Hier gibt es kein schwankendes Terrain, hier steht jeder Bewohner, jede Bewohnerin der Stadt fest mit beiden Beinen auf dem Boden einer stabilen Vergangenheit. Anders ist es in Lemberg, einstmals Ostpolen, wohin ich mich auch einmal aufmachte, um polnische Spuren zu finden. So hatte ich mich bereits auf dem Stadtplan über einige Straßennamen gefreut, die über die Sowjetzeit hinweg bis heute nicht umbenannt worden waren. Sie stammten also noch aus dem neunzehnten Jahrhundert, Mitzkewitscha ploschtschad, Kostjuschka Wulicja, Fredra, Schopena, Kopernika Wulicja, also Straßen und Plätze mit klangvollen Namen, nach Kopernikus, Chopin, Fredro, Kościuszko und Mickiewicz benannt. Ich lief also durch die Straßen und schärfte meinen Blick, ob ich nicht zwischen oder hinter all den kyrillischen Schildern und Aufschriften alte polnische Buchstaben und Wörter entdecken konnte, und ebenso, wie ich mich in Schlesien über deutsche Aufschriften gefreut hatte, geriet ich hier immer wieder von neuem in Erregung, wenn durch den dünnen, feucht gewordenen Anstrich einiger Sockelgeschosse hindurch, als abbröckelnde Reste oder an Brandmauern, polnische Schrift sichtbar wurde, A. BARAN LAKIER, CUKRY, CZEKOLADY, FORD STACJABENZIN, SZPITAL S. LAZARZA, sogar eine alte Hutreklame erhob sich plötzlich aus der Wand, und all die Palimpseste teilten nichts anderes mit, als dass es vor siebzig bis achtzig Jahren Polen gewesen waren, die Lacke, Zucker, Schokolade, Autos und Hüte verkauft und Krankenhäuser und Tankstellen betrieben hatten. Sogar eine Gedenktafel für den romantischen polnischen Dichter Seweryn Goszczyński von 1913 war nicht entfernt worden. Zwar war der große Boulevard im Zentrum, der früher Akademicka geheißen hatte, längst nach Taras Schewtschenko, dem ukrainischen Nationaldichter, benannt worden, aber an einer Ecke hatte ein Café geöffnet, das sich „Akademitschne“ nannte. In der Nähe sah ich auf einem kleinen Platz das neue Hruschewski-Denkmal stehen, das den ersten Präsidenten der Ukraine zeigt, und zwar genau an der Stelle, an der bis 1946 Aleksander Fredro auf dem Sockel gesessen hatte, ein Denkmal, das sich jetzt am Breslauer Ring befindet, und freute mich darüber, dass ich hier sozusagen eine topographische Wurzel Wrocławs vor mir sah. Ich lief durch den Stryjer Park, geblendet vom Schnee, in dem sich die Sonne wie in Millionen kleiner Spiegelchen brach, auf der Suche nach der Rotunde, in der sich bis zum Zweiten Weltkrieg das Panorama von Racławice befunden hatte, das polnische Nationalheiligtum, das ich in Breslau besichtigt hatte, der Triumph der Polen über die Russen, vor über hundert Jahren in Lemberg gemalt. Ich fand einen Rundbau aus Metall und Glas vor, der den filigranen Lokdepots aus der Zeit um 1900 ähnelte und der heute als Turnhalle diente. Zu gerne hätte ich gewusst, ob heute ukrainische Bewohner der Stadt diese fremde Vergangenheit wahrnehmen, ob sie sich mit ihr auseinandersetzen und in kreativer Weise darauf reagieren, wie es in Breslau und Stettin mittlerweile der Fall ist.

 

 

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