Atlas der Aussiedlungen

Von Roswitha Schieb

Gestern entdeckte ich in einer Krakauer Buchhandlung den polnischen Atlas der Aussiedlungen, Vertreibungen und der Flucht 1939-1959. Er erschien im Jahr 2008 und ist unterteilt in vier große Kapitel, die sich mit dem erzwungenen Heimatverlust von Polen, Juden, Deutschen und Ukrainern beschäftigen – über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hinweg. Unter der Schirmherrschaft von Władysław Bartoszewski erschienen, bietet der Atlas eine großangelegte Sammlung von historischen Quellen, Karten, Bildern und Beschreibungen der Vertreibungs- und Aussiedlungsgeschehnisse dar, die laut Klappentext „monströs“ sind. Ein Anliegen des sehr verdienstvollen Atlasses besteht darin, der Fülle der großen Bevölkerungsverschiebungen einen Rahmen, und dazu einen transnationalen Rahmen zu geben.

Wie aber ging es nach Vertreibung und Aussiedlung mit den Vertriebenen an den neuen Orten weiter? Die Beantwortung dieser Frage würde naturgemäß den Rahmen des Atlasses sprengen und weiterer Publikationen bedürfen.

Schon die erste Generation der deutschen Vertriebenen reagierte sehr unterschiedlich auf den erzwungenen Heimatverlust. Vermutlich gab es so viele, individuell unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten auf die Vertreibung, wie es Vertriebene gab. Und doch lassen sich auch immer wieder strukturelle Ähnlichkeiten in bestimmten Gruppen erkennen. So lehnten häufig ganz alte Leute und Bauern den neuen, zufälligen Ort ab, an den man sich mit einem Mal ungewollt wiederfand, und verweigerten sich einer Integration. Bauern und Gutsbesitzer, die Land besessen hatten, verharrten verständlicherweise gern in der Vorstellung der verlorenen Heimat, wo sie etwas hatten und waren, während im Westen das Land seit alters her unter den Einheimischen aufgeteilt war. Das stellte sich kurzzeitig in der DDR durch Bodenreform und Neusiedlerbewegung anders da, dort bekamen auch die Vertriebenen Land zugesprochen, verloren es jedoch durch die Kollektivierung der Landwirtschaft wieder. Diese nicht anpassungswillige Gruppe beharrte auf ihrer Mundart, ihren traditionellen Speisen, ihrer religiösen Ausprägung und auf den alten Geschichten aus der verlorenen Heimat, die so oft erzählt wurden, dass sie sich langsam zu mythischen Stoffen zu verdichten begannen.

Eine entgegengesetzte Möglichkeit der deutschen Vertriebenen, auf die neuen Verhältnisse zu reagieren, bestand in Überassimilation. Im extremsten Fall wurde die Herkunft verleugnet, da mit ihr in beiden Teilen Deutschlands kein Staat zu machen war, im etwas weniger extremen Fall wurde sie zu mindestens nach außen verschwiegen (und die mythischen Stoffe nur nach innen, innerhalb der Familie weitergegeben). Denn die Vertriebenen wollten nicht auffallen, und wenn, dann nur durch Tüchtigkeit und moralische Integrität. Sie waren um ein besonders gutes Deutsch bemüht, um den Vorwurf, die Leute aus dem Osten seien ja sowieso alle „Polacken“ oder „Zigeuner“, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Sie bemühten sich, ihre Kinder vorbildlich zu erziehen, um nicht anzuecken. Sie suchten nach den Werten, die in den jeweiligen Gesellschaftssystemen etwas zählten. Das konnte im Westen ein durch unglaublichen Fleiß errungener angesehener Beruf sein, in dem man durch besondere Tüchtigkeit auffiel, und der Bau eines Hauses durch äußerste Sparsamkeit und Versagungen. In der DDR konnte es die SED-Mitgliedschaft sein und damit verbunden ideologische Überkorrektheit. Ob Bundesrepublik oder DDR: man war genug gedemütigt worden, hatte den Besitz-, den Status- und, was am schwersten wog, den Heimatverlust erlitten, nun wollte man in der neuen Heimat endlich mitmachen, einen Platz besetzen, nach vorne schauen – schon für die nächste Generation, für die Kinder.

Gerade diese aber leiden zum Teil bewußt, zum Teil unbewußt bis heute an den Folgen der Vertreibung – diesem „monströsen“ Geschehen, das uns der Atlas der Aussiedlungen und Vertreibungen in Bild und Text als übernationales Trauma eindrucksvoll vor Augen führt.

 

 

 

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