Polnische Krimis im deutschen Breslau

Von Roswitha Schieb

Neben den literarisch-poetischen Annäherungen an das Thema der zweiten Generation von Zagajewski und Kołakowski ging es in der Veranstaltung am Freitag auch um den polnischen Schriftsteller und Verfasser von Kriminalromanen, Marek Krajewski, der einen anderen Weg beschreitet, um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. 1966 in Breslau geboren zählt er ebenfalls zur zweiten Generation der Vertriebenen, da Teile seiner Familie aus Lemberg stammen.  Krajewski ist klassischer Altertumsforscher, Altphilologe und gleichzeitig populärer Krimiautor. In den Sechziger-, Siebzigerjahren im polnischen Breslau aufgewachsen, kann er vor Ort die nationalpolnischen Bemühungen beobachten, den urslawischen Urgrund Breslaus durch archäologische Ausgrabungen und Neubewertungen ausloten, um den neuen Herrschaftsanspruch über die „wiedergewonnenen Gebiete“ nach 1945 zu untermauern. Möglicherweise hat ihn dies dazu angeregt, sich mit der noch älteren Archäologie, der klassischen Antike, zu befassen. Aber diese Beschäftigung führt vielleicht zu weit weg von einer antiken Schicht Breslaus, die zwar schon entfernt genug war, also einen gewissen Mumifizierungs- und Petrifizierungsprozess durchlaufen hatte, aber doch noch anders unter den Nägeln brannte als die römischen Überreste oder das piastische Erbe: nämlich die archäologische Schicht des Deutschen in Breslau.

Marek Krajewski rekonstruiert in seinen sehr populären Breslau-Kriminalgeschichten der letzten zehn, fünfzehn Jahre das deutsche Breslau der Dreißigerjahre bis 1945. Er geht dabei wissenschaftlich und quellenkundig exakt vor; verwendet alte Stadt- und Fahrpläne, sogar genau datierte Speisekarten bestimmter Lokale, die dann in den Romanen an dem exakten Datum mit den exakten Gerichten eine Auferstehung feiern. Er entwirft die Figur eines nicht unsympathischen deutschen Kommissars, Eberhard Mock, ein Schlesier aus Waldenburg, der im Breslauer Rotlichtmilieu ermittelt. Krajewskis Familie war nach 1945 in die von ihren angestammten Bewohnern entvölkerte Stadt gekommen, in eine fremde Stadt, deren Überlieferungen und Traditionen nicht die ihren waren. Dem Sohn genügten die angebotenen Identifikationsmöglichkeiten wie wiedergewonnene Gebiete, urslawischer Boden, piastisches Erbe, polnische Muttererde, Breslau als neues Lemberg irgendwann nicht mehr – wie vielen aufgeschlossenen Vertretern seiner Generation. Er wollte sich nicht mit der amputierten Erinnerung, mit der Gedächtnislosigkeit der Stadt Wrocław abspeisen lassen. Er merkte, dass es sich in diesen Regionen komplizierter mit der Identität verhält, dass der genius loci Breslaus eine größere Komplexität bereithält, die die deutsche Vergangenheit nicht außer Acht lassen darf. Und so begann er akribisch und mit viel überschäumender Fantasie sich die jüngere deutsche Zeit zu erobern, sie zu rekonstruieren und sie gleichzeitig neu zu erfinden, um schließlich ein Konstrukt von Heimatgefühl dem neuen Breslau gegenüber zu entwickeln.

Dieses Heimatgefühl hat sich die Schicht der deutschen Antike sozusagen einverleibt, sich ihrer vergewissert, sie sich anverwandelt. Nur so entsteht ein komplexes Panorama der Stadt. Nur so wird die Identität ihrer Bewohner vollständiger. Nun können sie ohne ängstliche Klitterung und mit größerer Offenheit zu neuen Niederschlesiern, zu neuen Breslauern werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s