Bresław

Von Roswitha Schieb

Bahnbrechend für die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit, mit der poniemieckość, so erzählte ich bei der Veranstaltung am Freitag, war der Essay «Bresław» des Breslauer Essayisten und Polonisten Andrzej Zawada. In seinem Essay entwirft er ein Panorama des Breslauer Geisteslebens, erklärt zahlreiche deutsche Schriftsteller Breslaus zu seinen Vorgängern, die für ihn bis heute die geistige Aura dieser Stadt ausmachen:

«Wroclaw, Wratislawia, Breslau, Wroclaw. Städte entwickeln sich oder gehen unter, sie wachsen oder halten inne, mitten in einer Epoche, wie wenn man mitten im Satz innehält. Im Allgemeinen verändert sich ihre Ausdehnung und ihre Architektur. In extremen Fällen ändern Städte ihre Namen, ihre Sprache, sogar ihre Bewohner. Dann kann man nur noch auf ihre nicht fassbare, dennoch unverwüstliche Aura vertrauen. [..] Es gab hier viele Dichter und Denker, gerechte Zeugen der Geschichte und geduldige Berichterstatter der Existenz. In der St. Matthias-Kirche liegt Angelus Silesius begraben, der mystische Dichter der Barockzeit. [..] Breslauer war auch Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Pastor und Theologe, dessen Predigten über den Faschismus und ethische Schriften meine Generation den zivilen Ungehorsam lehrten. Ihren Autor brachten sie 1945, einen Monat vor Hitlers Niedergang, an den Galgen. [..]

Angelus Silesius, Dietrich Bonhoeffer, Max Born, Theodor Mommsen, Gerhart Hauptmann sind hier meine wahren Vorgänger. [..] An viele andere müssen wir erst erinnert werden. Weil wir alle von hier sind: Polen, Deutsche, Tschechen, Juden. Wir sind alle Schlesier, alle Breslauer, Cives Wratislavienses.“ (Zawada, Bresław, S. 61. ff.)

Dieser Text stammte von 1996, ist also bereits zwanzig Jahre alt. Und was gibt es, als Ausblick, für ganz aktuelle Projekte, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen?

Renoviert wird gerade das Bürgerhaus Oppenheim am Salzring, dem plac solny. Es soll nicht nur ein Begegnungszentrum für Kunst und Wissenschaft werden, sondern auch eine Brücke zwischen Berlin und Breslau und auch an die historischen Beziehungen zwischen diesen beiden Städten anknüpfen, als es um 1900 noch hieß, dass jeder zweite Berliner Schlesier bzw. Breslauer sei. Die Geschichte des Hauses wurde erforscht anhand seiner Bewohner, seit den jüdischen Besitzern Oppenheim aus dem frühen 19. Jahrhundert, die dort ein Bankhaus betrieben. Wie in einem Brennspiegel zeigen sich in der Geschichte des Oppenheim-Hauses die ganzen Verwerfungen der leidvollen großen Geschichte, wenn es um Arisierung, Deportation, Vertreibung und Neuanfang nach 1945 geht.

Aktuell ist es die in Breslau lebende Schriftstellerin Agnieszka Kłos, die nicht nur seit 1998 die künstlerische und literarische Zeitschrift «Rita Baum» herausgibt, sondern auch Leiterin verschiedener innovativer Projekte ist. So gab sie nicht nur einen Breslauführer auf den Spuren von Frauen in der Geschichte bis heute heraus, sondern sie leitet auch das Digitalprojekt «Breslau cv», eine Internet-Erinnerungskarte, die alle möglichen Hinterlassenschaften aus der Zeit vor 1945 sammelt. Hier fügt sie Fotos, Gegenstände, Lieder, Briefe und Texte von Deutschen und von Breslauer Minderheiten, von Juden, von früher schon in Breslau lebenden Polen und anderen neuartig zusammen. Mit diesen Materialien und den realen Fundstücken in der Stadt, z. B. alte deutsche Inschriften hinter abblätterndem Putz, richtet sie sich mittels Workshops und Stadtspielen an die jüngste Generation, an Breslauer Schüler und Studenten.

Ähnlich geht der Künstler Jurek Kozieras vor, der aus einer alten deutschen Mülldeponie in Breslau Scherben, Flaschen, Schuhsohlen, Knochen, Türschlösser, zerbrochene Puppen und vieles mehr ausgräbt. Diese Überbleibsel aus der deutschen Zeit fügt er zu neuartigen Assemblagen, d. h. reliefartigen Collagen, zusammen, die sich vielfach und sehr assoziations- und kenntnisreich auf die deutsche Geschichte Breslaus beziehen. Es ist der Reiz der antiken Schichten Breslaus, und die deutschen Fundstücke sind, wie eine Kritikerin es einmal formulierte, «Diamanten, die man aus der Asche nimmt». So spielt nicht nur der Titel einer Assemblage, «Domus Herdainum», auf die Antike an, indem er ein Haus im Breslauer Stadtteil Herdain (heute Gaj) latinisiert, sondern eben jenes Haus, das aus Trümmern und Fundstücken zusammengesetzt ist, erhält durch Bögen und Säulen ein klassisches Aussehen. «Oda Kolonska», die Kölnische Ode, die eine Silhouette des Kölner Doms nachbildet, ist aus lauter ausgegrabenen Kölnisch-Wasser-Fläschchen (Woda Kolonska) zusammengesetzt, auf deren Glas «4711» zu lesen ist. Aus alten verrosteten Türschlössern gestaltet Kozieras eine Schlösserlandschaft, die er «Schlesische Schlösser» nennt. Einige seiner Assemblagen setzen sich mit wichtigen Bewohnern Breslaus auseinander, so mit Edith Stein, Clara Immerwahr und Fritz Haber. Und die aus Fragmenten zusammengesetzte Stadtsilhouette mit der Aufschrift «Bressla» bezieht sich auf die älteste erhaltene Ansicht Breslaus aus der «Schedelschen Weltchronik», auf einen Holzschnitt von 1493.

Deutlich wird: Die Komplexität der Vergangenheit der Stadt, ihr besonderer Genius loci, ist und bleibt für die heutige Literatur und Kunst in und über Breslau ein unerschöpfliches Faszinosum.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s