Genius loci und Phantasietrachten

 

Von Roswitha Schieb

Während meines Vortrags, aber auch vor allem im sehr lebhaften Gespräch danach kam ich noch auf weitere Punkte zu sprechen, die den Umgang mit der Poniemieckość, dem postdeutschen Erbe veranschaulichten. So fragte mich neulich ein jüngerer polnischer Historiker in Kreisau, ob in Deutschland der schlesische, also der nieder- und mittelschlesische Dialekt noch viel gesprochen würde? Meine Antwort, dass dieser Dialekt so gut wie ausgestorben sei, empfand er als traurig, „denn wir wollen doch wissen, wie die Leute, die früher hier gelebt haben, gesprochen haben.“

Die Breslauer Bürgerschaft als ganze entwickelt immer stärker einen Lokalpatriotismus, der der vergangenen Zeiten nicht nur eingedenk ist, sondern sie sogar als das Eigene einzugemeinden versteht. So waren vor einigen Jahren im Bremer Kunsthandel sehr wertvolle schlesische Silberschmiedearbeiten aus dem 17. Jahrhundert aufgetaucht. Der Breslauer Bürgermeister wollte sie erwerben, es fehlte ihm jedoch an Geld. Gerade die Hälfte konnte er zur Verfügung stellen. Dann startete er zusammen mit der Gazeta Wyborcza einen Aufruf an die Breslauer Bürgerschaft, an Firmen, Unternehmen, Einrichtungen und Privatpersonen, für den Erwerb des schlesischen Kunsthandwerks Gelder aufzubringen und zu sammeln. Tatsächlich bekamen sie die 1, 3 Millionen Euro zusammen, um die Kunstgegenstände erwerben zu können, um sie nun stolz in ihrem Stadtmuseum zu präsentieren, „denn sie gehören doch in unser Breslau.“

Junge Studenten interessieren sich für den so lange ausgesparten Hohlraum der deutschen Geschichte der Stadt und der Region Schlesien, sie unternehmen freiwillig im Sommer Exkursionen zu den Festungsbauten Friedrichs II., empfinden ein Gedicht von Max Herrmann-Neiße (aus dem schlesischen Neiße), „Breslauer Winternacht“, als das schönste Gedicht über Breslau, erobern sich ihre Stadt auf den Spuren Edith Steins, schlüpfen also sozusagen in die Rolle von Deutschen, die in der Vergangenheit herumsuchen, und werden dann auch passenderweise vor der Schule von Edith Stein von aus den Fenstern schauenden Anwohnern als „niemcy, niemcy!“, also als Deutsche tituliert. Sie freuen sich über einen literarisch gar nicht bedeutenden Text aus dem 19. Jahrhundert, der eine Gegend im Norden der Stadt als Verbrechergegend beschreibt, da sie feststellen, dass auch heute dieses Stadtviertel keinen guten Ruf hat. Ihre Freude gilt der Unverwüstlichkeit eines – wenn auch negativen – genius loci, der trotz Vertreibung und Neubesiedlung in der Stadt wirksam sein muss. Und ein polnischer Student, der in Breslau geboren ist und erst ganz normal, also ungebrochen, dort aufwuchs, erzählte, dass ihm im Alter von siebzehn Jahren die Stadt mit ihrer anderen Architektur und Geschichte plötzlich fremd wurde. Es habe erst des Oderhochwassers 1997 bedurft, dass er sich im Kontakt mit den Sandsäcken, den Steinen, dem Wasser, also durch eine Art haptischen Kontakt der Stadt vergewisserte und seither durch die konkrete Rettung der Stadt ein neues Heimatgefühl Breslau gegenüber verspüre. Ob durch die archäologische Rekonstruktion deutsch-antiker Schichten mittels des Kommissars Eberhard Mock, ob durch detektivische Stadtspaziergänge, ob durch den Erwerb schlesischer Kunstgegenstände oder durch den direkten Kontakt mit der städtischen Substanz beim Oderhochwasser – all diese Möglichkeiten dienen dazu, aus der fremden Stadt, der fremden Region eine vertraute Stadt, ein vertrautes Land zu machen, eine heimatliche Verwurzelung ohne Amputation und Amnesie.

Breslaus Bürgermeister Dutkiewicz weist darauf hin, dass das Bedürfnis, an die fremde deutsche, österreichische und böhmische Geschichte anzuknüpfen, vorbildlich mit dem „Denkmal des gemeinsamen Gedenkens“ geschieht. Dies ist eine großzügig gestaltete Anlage in der Südstadt, die vor ein paar Jahren auf dem Gelände eines ehemaligen deutschen Friedhofs entstand. Hier wird in würdiger und versöhnlicher Weise mit einigen deutschen Grabsteinen, Gedenkplatten, einer symbolischen Mauer und einem zweisprachigen Aufruf zur Versöhnung aufgrund von Erinnerung an die etwa siebzig in Breslau nach 1945 eingeebneten deutschen Friedhöfe erinnert (siehe zwei Bilder). Auch Fritz Stern sei von diesem Denkmal sehr angetan gewesen.

Was es aber nicht gibt in Breslau, in Schlesien, in allen Teilen der sogenannten „Wiedergewonnenen Gebiete“: es haben sich nach 1945 keine Volksbräuche, keine Trachten entwickelt. Daher wurden zur Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas Volkstanzgruppen aus Ostpolen eingeladen (siehe Bild), wo lebendiges Brauchtum existiert. In den polnischen Westgebieten aber waren die traditionellen Bräuche und Trachten nach 1945 verschwunden und wie abgeschnitten, und die neue polnische Bevölkerung war zu heterogen und zusammengewürfelt, als dass gemeinsame verbindliche Bräuche hätten zwingend werden können. In diesem Zusammenhang meldete sich eine Zuhörerin aus dem Publikum zu Wort, die von einem ihr bekannten Dorf im schlesischen Eulengebirge erzählte, das ein internationales Trachtentreffen organisiert habe. Aus allen möglichen europäischen Ländern trafen sich Trachtengruppen in diesem Dorf, sogar Gruppen aus der Türkei waren dabei. Die Dorfbewohner aber litten darunter, dass es in ihrem eigenen Dorf keine traditionellen Trachten gab. Also beauftragten die Bewohner einen Schneider damit, nach ihren Vorstellungen, sozusagen künstlich, Trachten zu entwerfen. Es entstand also eine Art Phantasietracht, die möglicherweise dazu bestimmt sein könnte, neue Traditionen zu begründen. Mit weiteren, sehr aufschlussreichen Beiträgen aus dem Publikum wird sich der nächste Eintrag beschäftigen.

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