Eine kleine Ausstellung

Von Roswitha Schieb

Eine ältere Teilnehmerin kam mit einem prall gefüllten Rucksack auf den Schultern zur Veranstaltung, einem Rucksack, dessen Inhalt sie vorsichtig auspackte und auf einem Tisch präsentierte: es handelte sich um deutsche Notenausgaben von Chopin und von Richard Wagner, um eine kleine Porzellankanne, um eine hölzerne Schale, um ein deutschsprachiges Buch über Volkskunst, um ein Wandbildchen. All diese Dinge arrangierte sie liebevoll auf dem Tisch wie eine kleine Ausstellung mit kostbaren Exponaten. Im Gespräch nach dem Vortrag lüftete sie dann das Geheimnis dieser Gegenstände: sie selbst, 1941 in Lemberg geboren, kam 1946 mit ihrer Familie nach Breslau, wo sie ein – postdeutsches – Haus bezogen. Daran, ebenso wie an das kriegszerstörte Breslau, an die Ruinen und die Kriegstrümmer, hat sie bis heute noch sehr deutliche Erinnerungen. In dem ehemals deutschen Haus fanden sich einige Noten, Bücher und Gebrauchsgegenstände, die sie später an sich nahm, da sie für sie von Anfang an eine große Bedeutung hatten. Sie hütete seither diese poniemiecki-Gegenstände wie ihren Augapfel und freute sich sehr, sie heute im Rahmen der Veranstaltung zum Thema „Poniemieckość“ präsentieren zu können.

Eine weitere Teilnehmerin wies auf die Unterschiede zwischen Nieder- und Oberschlesien hin. Da in Oberschlesien die Geschichte nach 1945 etwas anders verlaufen sei – so wurden nicht alle Deutschen ausgewiesen, sondern es gab die Möglichkeit zu optieren – , sei der Bruch auch nicht so stark gewesen und bestimmte Bräuche und der Dialekt, das Wasserpolnische, haben sich gehalten.

Interessant war die Geschichte einer jüngeren Teilnehmerin, die von ihren Großeltern erzählte, die nach 1945 im schlesischen Eulengebirge ein Haus bewohnten. Immer, wenn sie dort als Kind, als Jugendliche zu Besuch war, spürte sie bei ihren Großeltern die Angst vor den Deutschen, dass sie zurückkommen könnten. Dem Großvater blieb dieses ehemals deutsche Haus zeitlebens fremd. Erst für sie selbst, für die dritte Generation, ist dieses Haus ihr Haus geworden, in dem sie sich heimisch fühlt.

An dieser Stelle fügte eine andere Teilnehmerin die Geschichte ein, dass sie einmal im Keller ihres Wohnhauses aufräumen und alte Kisten wegwerfen wollte. Entsetzt kam der Besitzer der Kisten angelaufen und hinderte sie daran, er sei schließlich mit diesen Kisten aus Lemberg hierher gekommen, und wenn die Deutschen zurückkämen, dann würde er diese Kisten doch wieder brauchen, um seine Sachen einzupacken für seine neuerliche Abreise.

Eine junge Frau, geboren 1990 in Stettin, merkte an, dass nicht nur in Breslau, sondern auch in Stettin der Umgang mit der poniemieckość aktuell in öffentlichen Debatten und Entscheidungen sehr präsent sei, dass auch dort kreativ auf die deutschen Hinterlassenschaften Bezug genommen würde.

Sehr interessiert war auch eine junge Redakteurin vom Oppelner „Wochenblatt“, eine Zeitung für die deutsche Minderheit in Polen, die vor allem im Oppelner Raum zahlenmäßig recht stark ist. Die Redakteurin war extra 2 ½ Stunden mit dem Zug nach Krakau angereist, um an der Veranstaltung teilzunehmen. Teile des langen, engagierten und detailreichen Interviews, das sie nach der Veranstaltung mit mir führte, wird sie für einen Artikel im Oppelner „Wochenblatt“ verwenden, eventuell auch für einen Radiobeitrag.

Dass ausgerechnet in Krakau, wo eben keine andere, fremde Schicht der Vergangenheit hinter abblätterndem Putz hervorkommt, sondern immer die Spuren der eigenen, der polnischen Geschichte, so viele Interessierte kamen, gespannt zuhörten und dann auch noch selbst zu erzählen begannen, war nicht nur sehr erfreulich, sondern zeigt auch, dass dieses Thema in ganz Polen und für alle Generationen eine Rolle spielt – für all die, die ihre elterlichen und großelterlichen Wurzeln im polnischen Westen haben und mit diesem Gepäck beladen längst an anderen Orten Polens wohnen.

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