Wo ist mein Haus?

hasior

Von Roswith Schieb

Gestern abend fand in den Veranstaltungsräumen der Frauenorganisation eFKa eine zweite Veranstaltung statt zum Thema „Wo ist mein Haus? Der Einfluss des Zweiten Weltkriegs auf die nachfolgenden Generationen“. Diesmal war der Abend als Podiumsgespräch konzipiert, an dem die Kulturwissenschaftlerin Heike Rohmann, die Krakauer Schriftstellerin Katarzyna Turaj-Kalińska und ich beteiligt waren.

Die Moderation und Übersetzung übernahm die eine Mitvorsitzende der Frauenstiftung eFKa, Beata Kozak. Zunächst begrüßte die andere Mitvorsitzende von eFKa, Sławomira Walczewska, das Publikum. Dann stellte ich mein neustes, im Herbst im Schöningh-Verlag erscheinendes Buch „Zugezogen. Erinnerungen der zweiten Generation“ vor. Zusammen mit der Mitautorin und Mitherausgeberin Rosemarie Zens, die als Lyrikerin, Fotografin und Psychologin arbeitet, sammelte ich über mehrere Jahre hinweg Texte der zweiten Generation der Vertriebenen und stellte 21 Texte zusammen. Diese Texte schildern in sehr unterschiedlicher Weise den Einfluss der traumatischen Kriegs- und Vertreibungserlebnisse auf die nächste Generation, die den Verlust von Häusern, Wohnungen und Land ihrer Eltern ja nur aus deren Erzählungen kennt. Dennoch fühlt sich diese Generation lebenslang heimatlos, nicht zugehörig, ohne Wurzeln und ist oft von einem unsicheren Selbstgefühl geprägt. Die gesammelten Texte – autobiographische Texte, Gedichte, literarische Prosaverarbeitungen, Berichte und ein Interview – zeugen von einer Bearbeitung der mehr oder weniger unbewussten Weitergabe der Erlebnisse und Traumata der Eltern an ihre Kinder, die sich in ihren Texten mit dieser Belastung auseinandersetzen.

Das Geleitwort stammt von Andeas Kossert, dann folgt ein langes und ausführliches Vorwort von Rosemarie Zens und mir. Darin erstellen wir zunächst einen Überblick über die bereits vorhandene Literatur – psychologisch argumentierende Zeitzeugenberichte, literarische Verarbeitungen und wissenschaftliche Bücher – , um dann allgemein die Integrations- und Assimilationsschwierigkeiten der ersten Generation zu beschreiben. Diese war sowohl in West- als auch in Ostdeutschland einem besonderen Anpassungsdruck ausgesetzt und reagierte oft darauf mit besonderer Überkorrektheit, was für die nächste Generation sehr prägend wurde. In der zweiten Generation dann gibt es verschiedene Reaktionsmöglichkeiten – hier reicht die Palette von Überanpassung an den neuen Wohnort inklusive Übernahme eines von den Eltern nie gehörten Dialekts bis zur totalen Überidentifikation mit der Herkunft der Eltern. Da gibt es inWestdeutschland geborene Vertreter der zweiten Generation, die von sich selbst behaupten, sie seien Schlesier oder Ostpreußen. Konstitutiv für alle versammelten Texte ist ein grundlegendes Heimatlosigkeitsgefühl, die transgenerationale Weitergabe von Traumata – oft unbewusst und gekoppelt mit Schweigen – , die Übertragung von Ängsten, sowie das Geprägtsein durch den Druck der überangepassten Elterngeneration. Das Neue an dem Buch „Zugezogen“ besteht darin, dass auch polnische Texte in die Textsammlung aufgenommen sind. Im Vorwort wird auch die in Deutschland weitgehend unbekannte Problemlage der ersten und zweiten Generation in Polen ausführlich besprochen. Zwar war es während der Zeit des Sozialismus in Polen inopportun, sogar verboten, öffentlich über die verlorenen polnischen Ostgebiete, also Städte wie Lemberg und Wilna, zu sprechen und vor allem ihren Verlust zu beklagen und zu betrauern. Dieses Verbot galt ähnlich wie in der DDR, wo der Verlust der deutschen Ostgebiete nicht erwähnt werden durfte. Aber anders als in der DDR, wo sich die Bevölkerung und vor allem die betroffenen Bevölkerungsteile zumeist diesem Verbot unterwarfen, ließ man sich in Polen nicht alles verbieten. Privat, in den Familien und gewissen Gruppen blieben die Geschichten über den verlorenen polnischen Osten lebendig, und nicht nur die Geschichten, auch der Dialekt, das Essen, die Lieder, das von dort Mitgebrachte. Das Wachhalten der Erinnerung hatte etwas von Subversion, von nationalem Widerstand gegen ein aufoktroyiertes Regime, es war eine wirkungsmächtige Mischung aus Heroismus und melancholischer Empfindsamkeit.

In der sozialistischen Zeit, ziemlich direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, also in den späten Vierzigerjahren, gab es für die „Repatrianten“, das heißt für die polnischen Vertriebenen, die in die ehemals deutschen, aber von der polnischen Propaganda als „urpolnisch“ bezeichneten Gebiete kamen, sogar besondere Lieder, mit denen sie sich in ihrer neuen Heimat aufgehoben fühlen, sich mit ihr aussöhnen sollten, Lieder mit heroischen Titeln wie Der Weg nach vorn oder Neue Heimat, Lieder mit einem ideologisch markigen Text, sinngemäß: Wir lassen alles zurück, wir fangen hier in der urpolnischen Erde neu an, und mit unserem Lemberger Humor schaffen wir das auch spielend. Gleichzeitig aber haben derartige Lieder unglaublich tieftraurige, pathetisch-schwermütige Melodien, die den optimistischen Text konterkarierten und natürlich doch von dem erlittenen Verlust kündeten. Es gab auch revanchistische polnische Vertriebene, die Sprüche klopften wie „Jedna bomba atomowa i wrócimy znów do Lwowa. Druga mała, ale silna, i wrócimy też do Wilna“ (Eine Atombombe, und wir kehren wieder nach Lemberg zurück. Eine zweite, kleine, aber kräftige, und wir kehren auch nach Wilna zurück).

In den sozialistischen Zeiten der Siebziger-, Achtzigerjahre wurden solche Sprüche augenzwinkernd von oppositionellen Studenten sozusagen gegen die Verbote und Denk-Tabus des Kommunismus zitiert – an dieser Stelle werden die Unterschiede zu den oppositionellen Studenten in Westdeutschland jener Zeit besonders deutlich, für die das Thema der Vertreibung automatisch mit dem Faschismusvorwurf verbunden ist.

Die vier polnischen Autorinnen, deren Texte in die Anthologie aufgenommen wurden, sind Beata Kozak, die einen Text über das postdeutsche Stettin schrieb, sodann Brygida Helbig-Mischewski, die die Nachwirkungen ihrer nach Kasachstan verschleppten Großeltern, die daraus resultierenden Ahnungen, Geheimnisse, Depressionen literarisch verarbeitete, Inga Iwasiów, die sehr scharfzüngig Polen durch das Verschweigen und Vergessen als „emotional gebannte Gesellschaft“ beschreibt, als ein Land, das seine kollektive Psychoanalyse noch vor sich habe, und Katarzyna Turaj-Kalińska, die von der Flucht ihrer Familie aus Wolhynien und ihrem langen Weg nach Westen erzählt.

Auf deutscher Seite sind es neben den Texten von Rosemarie Zens und mir Texte von Ulrike Draesner und Heike Willingham, von Alfred Kleinert, Joachim Süss und Martin Jankowski, von Joachim Schieb, Reinhard Körner und Frank Schablewski, von Jenny Schon und Sibylle Klefinghaus, von Barbara Lehmann und Irena Habalik, von Friedrich von Pfeil und Till Scholtz-Knobloch, der – in Westdeutschland geboren – als Sohn schlesischer Eltern nach Oppeln, nach Schlesien ging, um dort als Redakteur zu arbeiten. Viele dieser Autorinnen und Autoren laden die Landschaften und Städte, aus denen ihre Eltern stammen, mit großen Emotionen auf.

Das Buch endet mit einem Ausblick auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik in Deutschland.

Morgen werde ich über die anderen beiden Podiumsteilnehmerinnen und das Publikumsgespräch berichten.

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