Oma, Opa und Hans-Peter

PodiumsgesprächAuf dem Bild von links nach rechts: Roswitha Schieb, Beata Kozak, Heike Rohmann und Katarzyna Turaj-Kalinska

Von Roswitha Schieb

Als nächstes sprach auf dem Podium die Kulturwissenschaftlerin Heike Rohmann, die zur Zeit als Deutsch-Lektorin in Warschau arbeitet. Sie erzählte von ihrer Mit-Gründung einer Kriegsenkelinnen-Gruppe in Berlin. Wie sie zu dieser Thematik kam, beschrieb sie anhand ihres eigenen Werdegangs: in der Schule habe sie zunächst immer wieder und sehr ausführlich vom Holocaust gehört. Dass ihre Eltern aus Ostpreußen stammten – sie sagte gerne früher „aus Masuren“, weil das unverfänglicher klingen sollte – , hielt sie für eine etwas dubiose Seltsamkeit, für einen familiären Hintergrund, den sie lediglich mit einer kleinen, nebengeordneten Gruppe teilte. Als sie erst sehr viel später, als ihre Eltern bereits tot waren, davon erfuhr, dass das Phänomen der Vertreibung 10 bis 12 Millionen Deutsche betraf, dass es sich also um ein großes, kollektives Thema handelt, begann sie sich – zunächst fast erstaunt und ungläubig – damit und mit den die Vertreibung und andere Kriegsgeschehnisse betreffenden kollektiven Traumata zu beschäftigen.

Sie stellte einige Bücher zum Thema vor und sprach auch davon, dass sie in den Gruppen über die Erzählung von Familiengeschichten anderer sehr viel zu dem Thema erfahren und gelernt hätte.

Allgemein gesprochen ist die Kriegsenkel-Thematik auch in Deutschland noch ziemlich jung. Heike Rohmann erzählte sehr anschaulich, wie sehr sich die Kriegsenkel-Bewegung auch immer im Spannungsfeld zwischen der politischen Rechten und Linken in Deutschland befindet. Während die Rechte sie eher zu instrumentalisieren versucht, nach dem Motto: ‚Deutsche waren auch Opfer, endlich darf das einmal gesagt werden‘, will die Linke, vor allem antifaschistische Gruppen, untersagen, dass Deutsche, egal ob Erlebnisgeneration oder Enkel, jemals Opfer sein dürfen. Heike Rohmann belegte diese Haltung auch mit einem Spruch, einer Art antifaschistischem Credo: „Oma, Opa und Hans-Peter sind keine Opfer, sondern Täter“. Sie selbst plädierte für eine Position dazwischen, dass vor dem Hintergrund der Kriegsschuld und des Holocaust durchaus von deutschen Opfern, so z. B. von vergewaltigten Frauen und traumatisierten Kinder, gesprochen werden darf und soll. Dann schilderte sie nicht nur die Auswirkungen der Kriegstraumata auf die Enkelgeneration, also auf diejenigen, deren Eltern im Krieg – kleine – Kinder waren und sich dieser Erlebnisse selbst oft gar nicht bewusst waren und sind, dennoch aber ihre schlimmen Eindrücke wie ‚durch einen Nebel hindurch‘ an die nächste Generation weitergaben. Sondern Heike Rohmann skizzierte auch die von der Zeit des Nationalsozialismus geprägte Erziehung dieser Kindergeneration, eine Erziehung zur Kälte, zur Härte, was oft mit Schlägen und anderen körperlichen Demütigungen durchgesetzt wurde. Und diese Generation, die in der NS-Zeit als Kinder derart erzogen worden war, gab in den 1950er, 1960er Jahren diese Kälte, Härte und das Schweigen an die nächste, die Enkelgeneration weiter. Da etwa jedes vierte deutsche Kind im Krieg traumatisiert worden sei, handelt es sich um ein sehr großes Thema von allgemeiner Bedeutung. Den Traumata der Eltern, die meist unbewusst an die nächste Generation weitergegeben wurden, auf die Spur zu kommen, sich ihnen zu stellen und sie im Gespräch zu bearbeiten, ist das emphatische Anliegen vieler Kriegsenkelgruppen.

 

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