Beim Pflanzen von Rosen

Von Roswitha Schieb

Als dritte schließlich sprach Katarzyna Turaj-Kalińska. Sie erzählte davon, dass sie als Kind regelmäßig Albträume von SS-Männern hatte, die ihr eine Pistole an die Schläfe drückten und mit denen sie dann, was natürlich als Schande galt, im Traum kollaborierte, um ihr Leben zu retten. Dieses negative Deutschenbild, so meinte sie, sei durch die antideutsche polnische Propaganda in Kriegsfilmen erzeugt worden, denn ihre Familie habe selbst im Krieg nichts Schlechtes durch Deutsche erlebt. Ihre Familie, die aus Wolhynien stammte, flüchtete vielmehr vor Ukrainern, die Massaker an Polen verübten. Geschützt wurden sie auf der Flucht durch einen deutschen Offizier, der für seine Hilfe mit Wurst bestochen wurde.

Zunächst gelangte die Familie in die ehemals deutschen Ostgebiete, nämlich nach Polanica Zdrój (Bad Altheide), wo ihrem Großvater eine Villa angeboten wurde, die er aber nicht nehmen wollte, da er es als Unrecht empfand, eine fremde, ehemals deutsche Villa zu beziehen. Später dann ging es nach Krakau. Katarzyna Turaj-Kalińska sprach sich gegen eine Kollektivschuld aller Deutschen aus und meinte, dass die Deutschen während der NS-Zeit, während des Hitlerregimes nur von Psychopathen, Verbrechern und Irren regiert worden seien, weswegen die Deutschen allgemein nicht zu verurteilen seien – eine These, die dann für Zündstoff in der Diskussion sorgte. Überhaupt wandte sie sich gegen Nationalismus und meinte, dass das Land eigentlich niemandem gehören solle, und wenn überhaupt, dann nur den Pflanzen und den Tieren. Sie plädierte für eine Trennung von Raum und Zeit auch bezüglich der Vertreibungen: der Raum, der jetzt von anderen Menschen besiedelt wird, sollte eigentlich niemandem gehören, die Zeit aber könne nicht zurückgeholt werden und bleibe – sozusagen als poetischer Stoff – im Gedächtnis von Einzelnen lebendig.

Das Publikumsgespräch begann mit der Frage nach den Flüchtlingen heute in Deutschland, ob nämlich die zweite oder dritte Generation der Vertriebenen dafür eine besondere Sensibilität habe. Weiterhin wurde gefragt, ob die Traumata der Flüchtlinge heute direkt von Psychologen, die an den Traumata der Kriegs- und Nachkriegsgeneration geschult seien, erkannt und behandelt werden können. Heike Rohmann antwortete, dass es durchaus Hilfsgruppen für Flüchtlinge gebe, in denen Vertreter der zweiten und dritten Generation aktiver beteiligt seien, wahrscheinlich, weil es mehr Empathie gebe. Und tatsächlich seien Psychologen, die sonst mit Patienten arbeiteten, die an Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg litten, jetzt oft auch mit Flüchlingen im Gespräch. Ich fügte hinzu, dass durch das Flüchtlingsthema in der Presse nun noch einmal der Blick in die Vergangenheit gerichtet werde, sozusagen auf die eigenen Flüchtlingsströme vor 70 Jahren. Gemeinsamkeiten und Unterschiede kämen zur Sprache und somit würde dem Thema der Vertreibung medial differenzierter als sonst begegnet. Ich erwähnte auch den Roman „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck, der eine Verbindung zum aktuellen Flüchtlingsgeschehen herstellt: Der hilfsbereite emeritierte Professor, die Hauptfigur, nimmt am Ende des Romans etliche Flüchtlinge aus Afrika in sein Haus auf. Seine Mutter, wie der Leser aus einem Nebensatz erfährt, stammte aus Schlesien.

Sławomira Walczewska war es daran gelegen, das Thema von Flucht und Vertreibung aus der Perpektive der Frauen zu sehen, die es ja vor allem betraf, da die Männer im Krieg waren. Sie ergänzt, dass es sich ebenso mit dem Massaker von Katyń verhielt. Immer werden die Tausende von Offizieren erwähnt, die dahingemetzelt wurden, kritisierte sie, nie oder selten aber deren Angehörige, Frauen und Kinder, die das gleiche Schicksal ereilte.

Dann entspann sich ein Streigespräch mit Katarzyna Turaj-Kalińska. Im Publikum gab es mehrere Stimmen, die nicht damit einverstanden waren, die NS-Täter nur als Psychopathen zu sehen.

Uwe von Seltmann wandte sich gegen die Kriegsenkelforen im Internet, die er manchmal besucht. Er warf etlichen dort aktiven Kriegsenkeln vor, sich nur um sich selbst zu drehen, sich in ihren Problemen zu suhlen, und den Hintergrund, die deutsche Kriegsschuld und den Holocaust, ganz außer Acht zu lassen.

Aufgefordert zu einem Schlußwort erzählte ich von einem israelischen Journalisten, der einen Vorschlag für ein Holocaust-Mahnmal in Berlin gemacht hatte, nämlich in ein Häuschen auf einer grünen Wiese ein paar Computer mit einer Software zu stellen, in der jeder und jede Deutsche nachschauen könne, was seine bzw. ihre Eltern und Großeltern während der Nazizeit gemacht hätten. Er selbst habe sein Geschichtsbild nicht aus der Schule, sondern aus den persönlichen Erzählungen seiner Eltern entwickelt, und das wolle er den Deutschen nicht vorenthalten. Und dieser Vorschlag dieses israelischen Journalisten war für mich vor Jahren die Aufforderung gewesen, mich – von der eigenen Familiengeschichte ausgehend – mit der größeren Geschichte zu befassen, ja, die Erlaubnis, es überhaupt zu dürfen. Das Schlusswort von Heike Rohmann besagte, dass sie sehr viel mehr von Gesprächen in den Kriegsenkel-Gruppen über Geschichte gelernt habe als in der Schule. Hin und wieder seien ihr auch Personen aus deutsch-polnischen Familien mit entsprechenden Traumata begegnet.

In den rozmowy w kuluarach, also den Gesprächen inoffizieller Art nach der Veranstaltung, wurden all diese Themen noch vertieft; dazu wurde ein spezieller Martini nach Lemberger Zubereitung gereicht und – von Klavier begleitet – das Lied „Przy sadzeniu róż“ (Beim Pflanzen von Rosen) vom romantischen Dichter Seweryn Goszczyński aus dem Jahr 1831 gesungen – ein Lied, das ein Lieblingslied der Vertriebenen aus Ostpolen darstellt. In dem Lied geht es um Rosen, die gepflanzt werden, und wenn sie nicht für einen selbst, für die eigene Generation blühen, so bleibt die Hoffnung, dass sie die nächsten Generationen erfreuen werden.

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