Geschichtshygiene

Von Roswitha Schieb

Hier noch ein gedanklicher Nachtrag zur Veranstaltung vor ein paar Tagen. Es sind Gedanken, die aufgrund von Zeitmangel nicht zur Sprache kommen konnten. Noch immer existieren in Deutschland viele Abwehrreflexe gegen das Thema der Vertreibung, nach wie vor handelt es sich um etwas Unerledigtes.

Die Abwehr der angestammten Bevölkerung in Deutschland gegenüber den Vertriebenen in den fünfziger und sechziger Jahren war zum Teil auch geprägt von einer Art „Geschichtshygiene“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese zeigte sich in der Abrisstätigkeit, die nach dem Krieg in den deutschen Städten herrschte und die bis heute wirksam ist. Sie sollte Platz machen für Fußgängerzonen, Autobahnen, Parkhäuser oder fortschrittliche sozialistische Architekturen und Magistralen. Fraglich bleibt, ob nicht vorschnell geschichtlicher Ballast abgeworfen werden sollte, um frei und ungebunden eine moderne Zukunft gestalten zu können. So tilgte man die Spuren des Krieges in Westdeutschland an vielen Orten. Jüngste, unangenehme Geschichte vermutete man generell – unbewusst kollektiv und amorph – höchstens im Osten.
Auch daher rührte die große Reserve, das Misstrauen den Vertriebenen gegenüber, diesen Ungebetenen, denn ihnen haftete sozusagen die düstere jüngste deutsche Geschichte noch an, sie waren lebendige Zeugnisse einer großen Schuld, die alle Deutschen hätte angehen müssen, wären sie nicht mit Wiederaufbau und Verdrängung befasst gewesen. Vielfach gab es einen doppelten Abwehrmechanismus. Man verschloss die Augen vor der deutschen Schuld, an die man sich durch die Fremden aus dem Osten unbewusst erinnert fühlte, und brachte oft wenig Mitleid auf für das Schicksal dieser Menschen, die alles verloren hatten, weil die eigenen Verluste ebenfalls schmerzten und auch weil viele in den Vertriebenen aus ihrer Sicht zu Recht Bestrafte sahen. Denn wer so bestraft worden war, musste wohl auch große Schuld auf sich geladen haben. Was ging einen das in München, in Stuttgart, in Hannover, in Köln, in Frankfurt, in Hamburg, in Rostock, in Dresden, in Leipzig und in Berlin an. Anders ausgedrückt: Zu der Ablehnung, die man ohnehin den Fremden aus dem Osten entgegenbrachte, die nun ebenfalls Platz und Nahrung beanspruchten, gesellte sich ein Konglomerat aus antiöstlichen Ressentiments und verdrängten Schuldgefühlen. Es war bequem, in ihrem Schicksal die gerechte Strafe für besonders große Schuld zu sehen, nämlich für die Kriegsverbrechen und die Vernichtung der Juden, die ja vor allem da hinten im Osten stattgefunden hatte. Den Gestraften konnte man im Nachhinein das eigene schlechte Gewissen guten Gewissens aufladen. Oder auf den Punkt gebracht:Vielen wäre es recht gewesen, wenn die deutsche Schuld an den Vertriebenen allein haften geblieben wäre und alle anderen erlöste. Tatsächlich stimmt diese Schuldkonstruktion nicht mit der historischen Realität überein, denn die neuen Grenzen, wie sie von den Alliierten in Teheran, Jalta und Potsdam beschlossen wurden, waren Resultate machtpolitischer Erwägungen und nicht etwa moralischer Betroffenheit. Nicht Auschwitz stand zur Debatte, sondern Deutschland als kriegsverbrecherischer Verlierer. Um es ganz einfach zu sagen: die Vertriebenen haben den gleichen Anteil an der deutschen Schuld wie alle anderen Deutschen. Aber ihr Anteil ist nicht, wie gerne unterstellt wird, größer als der der Nicht-Vertriebenen.
Katharina Elliger, Autorin des Buches „Und tief in der Seele das Ferne“ (2004), beschreibt ihre Erinnerungen an Flucht und Vertreibung aus Niederschlesien als vierzehnjähriges Mädchen. Ihrem Buch stellt sie als Motto ein Zitat von Fritz Stern voran: „Und doch, vor einigen Jahren in einem deutschen Interview gefragt: „Was fällt Ihnen bei dem Wort Heimat ein“, gab ich die mich völlig überraschende sofortige Antwort: „Heimatlos.““ Trotz ihrer beruflichen und familiären Integration in der neuen westdeutschen Heimat kommt diese Erzählerin, die als Jugendliche vertriebene Frau im Alter zu der Erkenntnis, das sie eigentlich heimatlos ist. Dies ist ein Grundgefühl, das sicherlich bei vielen Vertriebenen vorherrscht, wenngleich die Heimatlosigkeit vermutlich oft mehr dunkel und unangenehm geahnt als reflektiert wurde und wird. In besonders komplexen Fällen herrscht sogar eine Art Heimatverleugnung oder Heimatverbot vor, wie bei dem Schriftsteller Franz Fühmann, der aus dem böhmischen Riesengebirge stammte und – wie er selbst sagt, zum Schaden seines eigenen lyrischen Schaffens – , den produktiven Umgang mit seiner Herkunft geradezu in sich abtötete.

Das ist ein emphatischer Begriff von Heimat. Der polnische Historiker und Kulturwissenschaftler Robert Traba hingegen verficht einen viel nüchterneren, wie er sagt moderneren Heimatbegriff. Seine Erfahrung von Heimat – und er bezieht sich auf Masuren – , sei, dass verschiedene nationale bzw. ethnische Gruppen, die sich durch die Zeitläufte mehr oder weniger unfreiwillig in einer Region einfanden, die zusammengewürfelt sind, es miteinander aushalten müssen. Heimat ist für ihn ein Wohl-oder-übel-Gefühl, es ist das Zusammenfügen und halbwegs friedliche Zusammenleben von Heterogenem, so von Ukrainern, Masuren und Polen an einem Ort. Mehr, so meint Robert Traba nüchtern, kann man nach den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts von Heimat nicht verlangen.

 

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