Blinde Flecken

Von Roswitha Schieb

Und noch ein paar abschließende Gedanken zum Thema der zweiten Generation der Vertriebenen:

Nach vielen Gesprächen mit von diesem Thema Betroffenen bzw. nach sehr vielen Beobachtungen stellt sich heraus, dass von Überanpassung an die neue Heimat bis hin zu Überidentifizierung mit der Herkunft der Eltern alle Reaktionsmöglichkeiten vorkommen. So kann sich auf der einen Seite das Verhalten der an den neuen Wohnort Überassimilierten durch Übersprunghandlungen auszeichnen: Sie übernehmen den lokalen Dialekt, den sie von ihren Eltern nie gehört haben, und die Lebensgewohnheiten aus der Region. Sie treten in Vereine ein und meinen, keinerlei Bezug zur Herkunft der Eltern oder Elternteile zu haben.

Auf der anderen Seite kann es im extremen Fall zu einer Überanpassung, einer Überassimilierung an die verlorene Heimat der Eltern, die die Nachgeborenen real nie kennengelernt haben, kommen. Sie bezeichnen sich, obwohl im Westen geboren, als Schlesier oder Ostpreußen, und nennen die Herkunft ihrer Eltern ihre Heimat. Sie suchen diese Landschaften auf, die ihnen mittlerweile durch viele Besuche vertraut geworden sind und bezeichnen sie als ihre wahre Heimat, viel wahrer, als ihre Geburtsorte je sein könnten.

Zwischen diesen beiden Polen, die nichts mit politischen Festlegungen, sondern mit sehr persönlichen Emotionslagen zu tun haben, gibt es schwankende, unsichere Gefühle für ein Zuhause oder die Heimat. Ein Vertreter der zweiten Generation der Vertriebenen antwortete spontan auf die Frage, was für ihn Heimat sei: „Die Motetten von Bach und die deutsche Sprache“. Keine Stadt, keine Region kommt für ihn als Heimat in Frage, im Zweifelsfall höchstens Berlin. Immer wieder ist es Berlin, das die Vertreter mit einem gebrochenen Heimatgefühl als Mischung aus traditionellem Schmelztiegel und östlichster Großstadt Deutschlands anzieht.

Diese unterschiedlichsten Reaktionsmöglichkeiten bezüglich des Heimatlosigkeitsgefühls der zweiten Generation der Vertriebenen sind oft gespeist von einem untergründigen Missbehagen, doch nie ganz dazuzugehören, das zwar gespürt, aber kaum ausgesprochen, betrauert und dann, im besten Falle, zu einer neuen, produktiven Identität ausgebildet wird.

Nach 1945 wird Deutschland neu aufgeteilt. Zu dieser Aufteilung gehörte auch ein neuer Blick auf die abgetrennten deutschen Ostgebiete. In der SBZ und in der DDR sollte die Erinnerung an Schlesien, Pommern und Ostpreußen möglichst schnell aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden, wie unter anderem ein rares Zeitdokument, der Dokumentarfilm „Umsiedler 1945“ (DDR 1985) von Thomas Grimm zeigt. In den Westsektoren ging man zunächst nicht ganz so rabiat vor. Vertriebenenorganisationen und -treffen wurden zugelassen, Denk- und Mahnmale in vielen Städten erinnerten an die Ostgebiete, Schulen konnten in Schlesienschule, Versammlungssäle in Pommernsaal umbenannt werden. Es gab zunächst den „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ als eigene Partei. Ab den siebziger Jahren jedoch ließ diese sowieso schon brüchig gewordene Erinnerungskultur stark nach. Mahnmale wurden wieder abgebaut, und von offiziellen Seiten, von Parteien und Verbänden wurden und werden letzte Erinnerungsreste an den ehemaligen deutschen Osten der Amnesie anheimgegeben. Ein jüngeres Beispiel stellt die Debatte um die Umbenennung der Schlesien-Schule in Berlin-Charlottenburg im Jahr 2004 dar. Bereits Anfang der neunziger Jahre wurde angeregt, den Breslauer Platz in Köln in Willy-Brandt-Platz umzubenennen. Jedoch blieb der Name Breslauer Platz aufgrund von Protesten aus der Stadtbevölkerung, einer Mischung aus Ur-Kölnern und Schlesiern, erhalten.

Aber in den meisten Fällen wurden die erinnernden Hinweise an die Ostgebiete in Deutschland verunmöglicht. Für die zweite Generation der deutschen Vertriebenen führte das zu einem starken Gefühl der Unwirklichkeit all ihrer mythologischen Stoffe, die nun keinerlei Realitätsbezug mehr hatten. Bei den heute Vierzig- bis Sechzigjährigen (und bei den Jüngeren ohnehin), die nicht familiär betroffen sind und waren, führte die Auslöschung von Erinnerung, die allgemeine Amnesie gegenüber dem Osten zu einer extremen Unkenntnis, zu blinden Flecken im kollektiven Gedächtnis.

Für diejenigen Polen, die sich mit der deutschen und preußischen Geschichte in den heute polnischen Woiwodschaften Śląsk (Schlesien), Warmia i Mazury (Ermland und Masuren), Pomorze (Pommern) beschäftigen, ist diese Ignoranz vollkommen unverständlich, ja, sie sind jedes Mal zutiefst schockiert und verunsichert, wenn ihnen etliche Deutsche mit Unkenntnis und Desinteresse begegnen. Ein polnischer Kunsthistoriker aus Breslau bedauerte, dass seine deutschen Professorenkollegen nicht einmal wüssten, wo sich Breslau befände, so, als begänne östlich der Oder eine gelbe Wüste, als gäbe es dort nichts mehr oder höchstens, nach Taiga und Tundra, das Eismeer in ewigem Winter.

Vielfach kann man beobachten, wie entspannt polnische Studenten mit der deutschen Vergangenheit Schlesiens, mit den dortigen deutschen Namen umgehen können. So freute sich eine Gruppe polnischer Germanistikstudenten, die vom Haus Schlesien in Königswinter zu einer Tagung eingeladen waren, über die Bezeichnung der Zimmer nach deutschen Städtenamen aus Schlesien. Sie waren sehr zufrieden mit den Zimmernamen „Glogau“ und „Bunzlau“ in „Haus Breslau“, mit den Zimmern „Ratibor“ und „Bolkenhain“ in „Haus Oder“, mit „Neurode“ und „Bad Reinerz“ in „Haus Grafschaft Glatz“. Da sie aber aus Wrocław kamen, hätten sie natürlich alle am liebsten das Zimmer „Breslau“ im „Haus Riesengebirge“ bewohnt.

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