Immer Drohobycz

 

Von links nach rechts: 1) Der Marktplatz von Drohobycz mit Davidstern wird von einer schwarzen Fläche überdeckt. 2) Aus der schwarzen Fläche fliegen nach allen Seiten Vögel auf. 3) Installation mit Schreibtisch und Fernseher; alle Kunstwerke von Ewa Zarzycka.

Von Roswitha Schieb

Vor ein paar Tagen besuchte ich die Ausstellung „Zawsze Drohobycz“ (Immer Drohobycz) der Installations- und Wortkünstlerin Ewa Zarzycka in der Krakauer Galerie Marta Shefter. Im Zentrum der minimalistischen Ausstellung steht das galizische Städtchen Drohobycz, einst zu Polen bzw. zu k. u. k. Österreich gehörend und heute in der West-Ukraine gelegen. Einerseits stellt die Künstlerin schriftliche Betrachtungen zu Drohobycz, Texte auf Englisch und auf Polnisch, in schöner Handschrift wie Bilder aus. Es sind Lesebilder, einige rechteckig, wie normale große Textseiten, andere in Dreiecks- oder Kreisform angeordnet. Zum anderen präsentiert die Ausstellung einige Installationen und Objekte, die mit Drohobycz in Zusammenhang stehen.

Dabei geht es nicht um die nostalgische Wiederbelebung vergangener und für immer untergegangener Zeiten in einem pittoresken Städtchen, sondern Ewa Zarzycka sieht Drohobycz als multi-dimensional an, als einen Ort zwischen ‚überall und nirgendwo‘, der jenseits von Raum und Zeit existiert. Obwohl sie selbst Mitglied desVereins ist, der das Bruno-Schulz-Festival ins Leben gerufen hat, sollen hier in der Ausstellung weder der polnische Schriftsteller Bruno Schulz, der aus Drohobycz stammte, noch andere Figuren des kulturellen Lebens (so wie etwa der jung verstorbene polnisch-jüdische Maler jüdischer Stoffe Maurycy Gottlieb, der deutsch-jüdische Jugendstilmaler Ephraim Moses Lilien oder der polnisch-österreichische Schriftsteller Adam Zielinski, alle aus Drohobycz stammend) im Zentrum stehen. Drohobycz ist für Ewa Zarzycka ein Treffpunkt, ein Ort der Begegnung mit Menschen und ihren Erinnerungen, mit Erinnerungen, die – wenngleich teilweise ausradiert – in die Gebäude, die Straße und Parks eingeschrieben sind. Als sie sich mit diesem ihr fremden Ort vertraut machen wollte, machte sich zunächst leichte Panik in ihr breit, eine Leere, ein Gefühl der Verlassenheit, ein Mißverhältnis von Erwartungen und gegenwärtiger Realität. Es gelang ihr nicht, sich mit der Stadt anzufreunden, sie fühlte sich in den schmalen, entfernten Straßen verloren. Doch mit einem Mal – und es klingt wie eine Liebeserklärung – kam eine Klarheit über sie, ein Gefühl für die Weite des Raums und eine Brise kristallklarer, unendlich reiner Luft. Dann erst konnte sie sagen: „Immer Drohobycz“.

Die Postkarte, die zur Ausstellungseröffnung verschickt wurde, zeigt eine historische Aufnahme der großen Synagoge. Tatsächlich war in den 1920er Jahren diese Synagoge die größte Polens, größer noch als die Synagoge in Warschau. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde die jüdische Gemeinde Drohobyczs durch die Nationalsozialisten vernichtet. Die jüdische Thematik ist auch der Installation Ewa Zarzyckas eingeschrieben: ein weißes Modell zeigt den Marktplatz von Drohobycz, in der Mitte befindet sich das Rathaus, von einem Davidstern aus schwarzen Lichtstrichen umlegt, der sich dann plötzlich verändert zu einer schwarzen Lichtfläche, die sich über das ganze weiße Marktplatzmodell ausbreitet (siehe erstes Bild), bis alles mit Schwärze überdeckt ist, aus der sich jedoch Vogelsilhouetten nach allen Seiten lösen (siehe zweites Bild). Assoziationen dazu sind die Auslöschung der jüdischen Gemeinde und – durch die Vögel – eine Art Erinnerung an die Ermordeten.

Eine weitere Installation ist im Zentrum der Ausstellung zu sehen (siehe drittes Bild): ein kleiner Schreibtisch steht da mit Stuhl davor und geöffneter Schublade, auf dem Schreibtisch befinden sich eine Schreibtischlampe, ein kleiner alter Globus, ein altes schwarz-weißes Klassenfoto und ein kleiner portabler Fernseher, in dem immer dieselbe Filmsequenz abläuft. Darin probiert ein alter Musiker unaufhörlich eine Geige aus – und dieser alte Mann befand sich als Junge auf dem Klassenfoto auf dem Schreibtisch. Hier geht es um das rätselhafte Verhältnis verschiedener Zeitebenen.

Und mit Überlegungen zum dritten Objekt, das in der Ausstellung zu sehen war, einer Kiste, möchte ich in meinem nächsten Eintrag meine Krakauer Zeit zu einem Abschluss bringen.

 

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