Kisten und Säcke

15 a Kiste

Von Roswitha Schieb

Als ich mich ein wenig über die Künstlerin Ewa Zarzycka informierte, stellte ich fest, dass sie nach 1945 in Szczecin geboren wurde. Sie gehört also zu jenen Familien, die, aus welchen Gründen auch immer, ob durch Vertreibung aus dem Osten Polens oder wegen der Arbeit, in die neuen polnischen Westgebiete, die sogenannten ‚wiedergewonnenen‘, gekommen waren und nun im ihnen zuerst fremden und unsicheren Stettin versuchten, Wurzeln zu schlagen. Kein Wunder, dass Ewa Zarzycka als Vertreterin der zweiten Generation sich von einer großen Kiste (siehe Bild) angesprochen fühlte, die sie in ihrer Drohobycz-Ausstellung als ein drittes Objekt präsentiert. Es ist die Umzugs- oder Fluchtkiste von Helena Swarowska aus Drohobycz, die in den Deckel der Kiste ihre genaue Anschrift notiert hat – in der Hoffnung, zu dieser Adresse zurückzukehren, vielleicht auch später noch, als es diese Anschrift so längst nicht mehr gab.

In diesem Zusammenhang fiel mir wieder die Geschichte ein, die eine Besucherin bei einer meiner Veranstaltungen erzählte. Es war die Geschichte von den Kisten, die sie in einem Keller fand und wegwerfen wollte. Vom Besitzer der Kisten wurde sie daran gehindert, weil er – vor Jahrzehnten aus Lemberg vertrieben – diese Kisten aufbewahren wollte, falls er wieder fortmüsse.

Und in einem Text in der Anthologie „Zugezogen“, das im Herbst erscheinen wird, beschreibt eine Autorin eine ähnliche Geschichte von deutscher Seite. Sibylle Klefinghaus erinnert sich an eine Flüchtlingsfrau aus Oberschlesien, die in ihrer Kindheit eine wichtige Rolle spielte: „So groß war die Hast, die Angst gewesen, mit der sie ihre überstürzte Flucht aus Oberschlesien organisieren mussten – sie, ihr Mann, ihre zwei Kinder – dass sie sie nie vergessen konnten. Bei uns im sichern Westen wohnten sie in einer improvisierten Dachstube, zwei Minuten von uns entfernt mit Bad und Toilette (eigentlich eine Waschküche) im Keller. Und weil sie bei der Flucht die Federbetten hatten zurücklassen müssen, obwohl es Winter war, lagen jetzt Federbetten für die ganze Familie sorgfältig zusammengeschnürt vor ihrem Ehebett. Sie selber deckten sich nur mit dünnen Wolldecken zu. Denn es konnte ja jederzeit wieder losgehen und wie sie sehr wohl wussten, ging es immer – IMMER! – nachts los, wo man nie etwas findet und das Durcheinander so groß ist, dass alles Wichtige und Lebensrettende vergessen wird. Auch ein großer weißer Leinensack mit Brötchen lag dort bei den Federbetten, als erste Wegzehrung und die Brötchen wurden, wenn sie alt und hart geworden waren, was natürlich zwei Mal die Woche passierte, durch frische ersetzt. Jahrelang.“

Egal, ob in Kisten oder in Leinensäcke eingepackt – die Last der Vergangenheit war bei allen, die gezwungenermaßen ihren Wohnort verlassen mussten, so groß, dass die nächste Generation noch von der Last abbekam. Die Leistung der zweiten Generation könnte darin bestehen, sich die Kriegsfolgen und -auswirkungen sozusagen am eigenen Leibe zu vergegenwärtigen, nicht, um sich davon bannen zu lassen, sondern um ein eigenständiges, ein konstruktives, entschärftes Verhältnis dazu zu entwickeln – die Kisten und Säcke gewissermaßen neu zu füllen.

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