Email an Joanna 1

by Barbara Stellbrink-Kesy

Berlin, den 20. 8. 2016

Liebe Joanna,

gestern habe ich an Dich gedacht, als ich in Berlin Mitte im Polnischen Institut war. „Nowe Życie“, das „neue Leben“, ein zehn Meter langes ‚ready found‘ der Künstlerin Elżbieta Jabłonska, leuchtete mir zur Hälfte entgegen. Lediglich das ‚Leben‘ war in Betrieb. Heute muss der Elektriker kommen, erklärte mir der junge Mann hinter dem Tresen des Ausstellungsraumes. Ob das ein Zeichen war, für zur Unterstützung der Protestbewegung und eine Solidaritätsbekundung? Wäre ganz im Sinn der Kuratoren und sicher auch vieler Künstler, die ironisch die Rolle der Kunst im Polen der Gegenwart reflektieren. Mit Fragen nach der Rolle der Kunst zwischen kritischem Bewusstsein und Vereinnahmung durch einen Markt, beschäftigt sich nämlich die gesamte Ausstellung, deren zweiten, größeren Teil ich mir nächste Woche noch ansehen will.

Ich bin dann im Polnischen Institut in die Bibliothek im ersten Stock gefahren und habe mich im Geschichtsregal umgeschaut, um in erster Linie nach dem zu fragen, was mein Großvater mütterlicherseits 1940 in Tarnow wohl als „Pflicht eines deutschen Mannes“ betrachtete. Ich bin auch fündig geworden.

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Schon allein die ‚Sonderaktion Krakau‘ von 1939, gegen die es auf der ganzen Welt heftige Proteste gab, kann nicht an den Wehrmachtssoldaten vorbei gegangen sein, zu denen auch mein Großvater gehörte. Ich muss endlich die Anfrage an die Wehrmachtsauskunftstelle richten, damit ich Genaueres weiß, wenn das Buch über Irmgards Leben fertig wird.

Dann habe ich in die „Gespräche mit dem Henker“ von Kazimierz Moczarski 1 hinein gelesen, von denen du mir schon vor Jahren erzählt hattest. Es gibt das Buch scheinbar erst seit 2008 in deutscher Sprache. Ein Kritiker (Joachim Tauber, Nord-Ost Institut der Uni Hamburg auf recensio,net) 2 weist im Internet alsbald nach Erscheinen darauf hin, der Verlag habe sich nicht die Mühe einer aktuellen Einordnung gemacht, so dass das Werk ein „Fragment zwischen Gestern und Heute“ sei. Dann kommt die Kritik am Autor: Täterforschung buchstabiere man heute anders, die Schwierigkeit sei, dass Moczarski seine Erinnerungen so lange nach den Ereignissen als Betroffener aufschreibe, er habe nicht Chronist, Dokumentator, Psychologe in einer Person sein können. Außerdem werden historische Anachronismen bemängelt.

Mir ist es schon wieder seltsam: Endlich erscheint dieses Buch mal in deutscher Sprache, da kommt solch ein arroganter Kommentar von einem Historiker.

Ich bin natürlich keiner, aber ich habe gelernt meinem Einfühlungsvermögen zu vertrauen. Sollten Historiker nicht auch etwas mehr Achtung vor dem an den Tag legen, was den Kern der ‚Gespräche mit dem Henker‘ ausmacht? Und sollten sie nicht etwas mehr Sensibilität an den Tag legen? Mein Verdacht ist, dass sich hier spiegelt, wie wenig der Vernichtungskrieg auch gegen Polen im Bewusstsein selbst der Fachleute verankert ist. Das Wesentliche ist, so finde ich jedenfalls, dass ein Mensch im Widerstand gegen solche Mörder wie Stroop, verantwortlich für die Liquidierung des Warschauer Ghettos, nun mit diesem in einer Zelle, durch diese Gespräche uns ein einzigartiges Zeugnis hinterlassen hat, das wir jetzt kritisch analysieren können. Klar kann er das alles nicht tun und sein, was die heutige Geschichtswissenschaft verlangt!

Inwieweit eine literarische Bearbeitung der Realität nicht näher kommt als jede geschichtswissenschaftlich korrekte Aufarbeitung, dazu könnten auch Überlegungen angestellt werden (Moczarski wollte seine Arbeit nicht als Fiktion sehen, er wollte ja auch bezeugen…). Und außerdem: Als ob die Leser nicht auch denken könnten!

Literaturwissenschaftler sehen die „Gespräche“ dann auch anders und bewerten das Buch positiver. Z.B. Anja Tippner im Aufsatz „Mozcarskis Gespräche mit dem Henker: Zur Verschränkung von Opfer- und Täterdiskursen.“ 3

Sie bezeichnet Moczarskis Ansatz als schwierige „teilnehmende Objektivierung“, die Fragen nach dem Verständnis der Texte aufwerfen müsse, wie z.B.: Wer spricht wirklich in diesen Texten? Ist den lebensgeschichtlichen Erzählungen der Täter zu vertrauen?

Der Journalist Moczarski habe aber diese Hürden gemeistert, indem er einen Beobachterstandpunkt einnahm, sich nicht affizieren oder involvieren ließ und sein Ziel beharrlich verfolgte, die Frage zu beantworten, welcher historische, psychologische und soziologische Mechanismus einen Teil der Deutschen zu Massenmördern werden ließ.

Das sind Fragen nach Herangehensweisen, die ich mir in jedem Fall auch stellen muss und die mir bis jetzt nicht so bewusst waren. Insofern hat mich dieser Bibliotheksbesuch mitten hinein in meinen eigenen Schreibprozess geführt.

Im Vorwort zur deutschen Ausgabe von Gesine Schwan konnte ich lesen, das Buch von Moczarski sei Pflichtlektüre in polnischen Schulen gewesen. So kannten also so viele Menschen unserer Generation in Polen dieses kleine Provinzstädtchen, das noch heute seine Mühe hat mit dem Erinnern, als Kinderstube eines Massenmörders und Überzeugungstäters. Während umgekehrt ich (….und unsere gesamte Generation) in den Schulen eben dieses Ortes nie etwas von einem Herrn Moczarski hörten, erst recht nicht von einem Mann Namens Stroop – und nichts erfuhren von den Aufständen und warum sie stattfanden.

Das, was ich an Ausschnitten bei diesem einen Besuch gelesen habe, kam jedenfalls der Atmosphäre der 50er und 60er Jahre in jenem Städtchen verblüffend nahe. Häufiger habe ich darüber nachgedacht, ob ich eine Verbindung von diesem Buch zu meiner Geschichte herstellen sollte. Ich hatte Bedenken, denn ich habe so unglaublich viel Material, wie auch das noch unterbringen? Jetzt, wo meine Erzählung Gestalt annimmt, kann ich es mir die Verbindung gut vorstellen. Sie scheint sogar ganz klar und logisch:

Moczarski suchte nach den Wurzeln des Übels und wurde fündig. Zufällig, vielleicht auch überzufällig, in dieser kleinen Stadt mit ihren historischen, psychologischen und soziologischen Verschränkungen, die auch Ursache der tödlichen Ausgrenzung Einzelner ihrer Bewohner war.

Danke für Deinen Hinweis, dem ich nun endlich nachgegangen bin. Ich stelle mich auf die Reise ein, in einer Woche werde ich nach Krakau fahren!

Kannst Du mir einen Tipp geben, wie finde ich die Buchstaben des polnischen Alphabetes im Schreibprogramm??

Herzliche Grüße + ein schönes Wochenende, Barbara

 

 

1 Kazimierz Moczarski, Gespräche mit dem Henker, 2008

2 http://www.recensio.net/rezensionen/zeitschriften/nordost-archiv.-zeitschrift-fuer regionalgeschichte/2010/xix/reviewMonograph3511, abgerufen am 9.9.2016

3 Anja Tippner, Moczarskis Gespräche mit dem Henker: Zur Verschränkung von Täter- und Opferdiskursen.

In: Claudia Nickel, Silke Segler-Meßner, Hg.: Von Tätern und Opfern; Zur medíalen Darstellung politisch und ethnisch motivierter Gewalt im 20./21. Jahrhundert, 2013.

 

 

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