E-mail an Joanna 2

von Barbara Stellbrink-Kesy

9. 9. 2016

Liebe Joanna,

Krakau ist immer noch spätsommerlich heiß. Fast wie im Süden und passend zu der italienisch beeinflussten Architektur und den kleinen Märkten mit den köstlichen, gebackenen Kringeln, die ich bisher immer nur mit türkischen Städten in Verbindung gebracht hatte. Gestern bin ich durch die Altstadt zu eFKa gegangen, statt wie üblich den weiten Blick des Weges an der Weichsel entlang zu genießen, am Wawel vorbeizuwandern, an der Paulinerkirche den Hof zu überqueren und zwischen den alten Steinmauern der Katharinenkirche entlang ins Kazimierz zu gelangen. Selbst auf dem deichartigen Weg, der gleich unter der Festungsmauer des Wawel den Fluss begleitet, wehte kein Lüftchen. Mich lockte der Schatten in der Stare Miasto.

Unterwegs packten mich Percussionrhythmen und fuhren mir sofort in die Beine. Ich bin immer wieder verblüfft über die Straßenmusik in Krakau. Ich habe den Eindruck, die halbe Stadt ist musikalisch unterwegs und – hochbegabt. Unglaublich gute Jazzmusiker, die sich noch nicht einmal rasieren müssen (…häufiger junge Männer). Auf dem Honigmarkt im Kazimierz neben den Ständen von Imkern aus ganz Polen, mit ihren in allen Bernsteinfarben leuchtenden Gläsern Honig, eine Bühne, auf der eine Band mit einer Schlagzeugerin und einer jungen Frau mit einer Stimme wie Ella Fitzgerald auftraten. Wieder war es erstklassige Musik.

Auch erstaunlich ist die Geschicklichkeit, mit der hier viele Frauen auf hohen Absätzen anmutig über das oft sehr unebene und – zumindest im Kazimierz – schadhafte Straßenpflaster balancieren. Diese Vorliebe für hohe Absätze – und der Bedarf -, zeichnet sich auch im Schaufenster der kleinen Schusterwerkstatt, gleich neben dem Haus von eFKa, an der Ulica Krakowska ab:

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Am Tag zuvor wurde das schöne, schmiedeeiserne Fenstergitter frisch gestrichen. Das Haus ist lange Jahre wegen ungeklärter Besitzverhältnisse von der Stadtverwaltung nur äußerst notdürftig erhalten worden. Es war wohl auch in jüdischem Besitz. Welche Geschichte sich wohl hinter den Mauern verbirgt? Vielleicht wird sie auch eines Tages erzählt werden. Gut, dass die Gebäude solch eine solide Bausubstanz haben. Eigentlich ist das Haus nämlich ein massives Gebäude, fast wie ein kleiner Stadtpalast. Nach dem Eingang erwartet Besucher wie Bewohner einer dieser für die Altstadt Krakaus typischen, ewig langen Gänge im Innern. Zunächst führt er in eine erstaunlich Tiefe in das Gebäude hinein. Manchmal sind diese Gänge wie Gewölbe, Restaurants breiten sich darin aus. Dieser hier im eFKa- Haus ist schmal. Unwillkürlich denke ich an eine Geburt, wenn ich hindurchgehe. Und als würde man neu geboren, steigt man dann auch die eindrucksvolle Holztreppe hinauf und freut sich über das warme Licht, das einen am Ende erwartet- und hinüberleitet in die wohnlich gemachten Räume mit der Bibliothek im Zentrum.

Heute ist auch das erste Drittel des Ganges beleuchtet, als ich die Haustür aufschließe. Eine der Glühbirnen in diesem Abschnitt gibt einen zarten Lichtschein. Hat jemand gezaubert?

Die Ausstellung habe ich schon am Tag zuvor gehängt. Hier einige der Arbeiten:

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Słavka und Beata deuteten mir rechtzeitig an, die Zuhörer seinen am meisten an Irmgards Schicksal interessiert. Große Anteilnahme, sehr viele Nachfragen, ungläubige und betroffene Gesichter in der Runde angesichts ihrer Geschichte!

Hier nennen sie sie ‚Irma‘ (‚Irmgard‘ ist im Polnischen zu unaussprechlich). Es passt gut, sehr gut sogar: Einen ihrer Briefe unterschreibt sie sogar mit „Eure Irma!“

Unten noch einmal ihr Portraitfoto, das sie im Alter von etwa siebzehn Jahren zeigt. Die eFKa-Frauen hatten es auch für die Einladung zur Veranstaltung verwendet. Es beeindruckt natürlich immer. Dieser tolle Hut! (Hier tragen die Frauen auch gern Hüte.) Und die sprechenden und etwas schwermütigen Augen darunter! Es wurde gleich angemerkt, dass sie nicht lächelt. Aber das war damals nicht üblich, auf Fotografien zu lächeln.

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Schon auf dem Abend mit den Teilnehmerinnen des ‚Laboratorium der Erinnerung‘ eine Woche zuvor, war das Interesse an ihrer Biografie groß. Scharfsinnige Fragen wurden gestellt. Es stellte sich heraus, eine der Frauen war lange Jahre Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe um den Psychiater Antoni Kępiński an der hiesigen Universitäts-Psychiatrie gewesen, den Du auch schon erwähnt hattest. Im Frühjahr dieses Jahres ist ein Heft der Zeitschrift ‚Psyche‘ zu dem Themenkreis der Traumaverarbeitung über Generationen erschienen, in dem ein Überblicksartikel zu der Arbeit dieser Forschungsgruppe zu den Auswirkungen der erlittenen Auschwitz-Erfahrungen auf die Überlebenden enthalten ist. Diese Arbeitsgruppe hat nicht nur schon in den 50er Jahren mit Beteiligung der Betroffenen hierzu geforscht, sie hat – so entnehme ich dem Artikel – zu dieser Zeit bereits die damalig gültigen Sichtweisen auf Traumata revolutioniert. Bis dahin waren die Psychiater unbeeindruckt (… mir scheint es stur und wider jede einfache, mitmenschliche Empathiefähigkeit…), davon ausgegangen, dass äußere Ereignisse keine Traumata mit bleibenden Persönlichkeitsveränderungen zur Folge haben könnten. Wirklich durchgesetzt, hat sich diese Erkenntnis der Arbeitsgruppe um Kępiński wohl immer noch nicht. Eine Traumatherapie, wie sie z.B. Luise Reddemann vertritt, ist wohl immer noch nicht wirklich anerkannt. Das berichtet jedenfalls die Kunsttherapeutin Susanne Lücke, die lange mit ihr an der Bielefelder Klinik zusammengearbeitet hat und deren Fortbildung ( zur kunsttherapeutischen Traumabegleitung) ich besuche.

Gut, dass ich das Heft dabei habe. Ich hoffe sehr, dass ich mit den Teilnehmerinnen am ‚Gedächtnislabor‘ noch weiter ins Gespräch komme.

Sławka hat gleich einen Besichtigungstermin an der Krakauer Psychiatrie ausgemacht!

Allgemeines Entsetzen darüber, dass ich nicht weiß, wo Irmgard begraben ist. Hier ist es ja für alle, gleich welcher Gesinnung und Einstellung undenkbar, die Gräber der Toten nicht zu kennen und nicht zu betreuen. Mir wurde empfohlen, den ersten November noch mit zu erleben, an dem sich alle Familien aufmachen um die Gräber ihrer Verstorbenen zu besuchen, die dann von tausenden Kerzen beleuchtet werden. Besonders in den Dörfern der hohen Tatra soll diese Illumination, weit sichtbar an den Berghängen, ein eindrucksvolles Erlebnis sein.

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Wir versammelten uns im Ausstellungsraum. Im Hintergrund der Veranstaltung, waren also daher an diesem Veranstaltungsabend symbolisch immer die Berliner ‚Töchter von Kriegseltern‘ mit dabei. Ich bin ganz zufrieden mit der Hängung (einen Blick in den Ausstellungsraum findest Du dann im nächsten Bericht). Erinnerst Du Dich?

Auf dem Rückweg dann begegnete mir vor der Bernhardinerkirche am Wawel eine sterbende Kastanie, die – schon ganz ohne Blätter – sich mitten im September mit letzter Kraft noch einmal wenige rührende Blütenkerzen aufgesteckt hat.

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Ich hätte sie am liebsten inmitten all der Touristen tröstend umarmt (…habe es natürlich nicht getan). Sie ist noch gar nicht so groß, längst nicht so mächtig wie die Kastanien der Planty-Promenade am Barbakan oder an der Jagiellonen Universität, deren Wipfel allein den Krähen gehören. Sie hätte eigentlich noch ein paar gute Jahre an diesem schönen Ort haben können.

Herzliche Grüße, Barbara

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