Ein weiterer blinder Fleck im kollektiven Gedächtnis

von Barbara Stellbrink-Kesy

 Die Morde an Kranken und behinderten Menschen in Polen und Deutschland.

Krakau, am 8. 9. 2016

Liebe Gäste, liebe Frauen von eFKa! Dobry wiecór!

Naziwamce Barbara Stellbrink-Kesy, yestem Niemcy, miescac w’Berlinie. Ale teraz miescam Krakowie. Vielleicht haben Sie sich in der Einladung über die Zutaten dieses Abends gewundert? Die Eröffnung einer Ausstellung mit Frauenportraits in den Räumen von eFKa einerseits – und das Schicksal einer Psychiatriepatientin andererseits. Wie passt das alles zusammen? Die Portraits, die sie hier sehen, sind während des Austausches zwischen ‚Kriegsenkelinnen‘ aus Krakau und ‚Töchtern von Kriegseltern‘ in Berlin entstanden.

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Uta:

Sich mit anderen Biografien zu befassen, heißt auch immer die eigene Lebensgeschichte zu hinterfragen.“

Joanna :

Die Mitarbeit im Projekt ‚Töchter der Kriegseltern‘ trug wesentlich zur Auseinandersetzung mit meiner Familiengeschichte bei. Insbesondere die deutsch-polnische Dimension und Vergleiche von Biografien unterschiedlicher Frauen und ihrer Herkunftsfamilien beeinflussten und korrigierten nachhhaltig meine Sichtweise der Täter-Opfer-Zuschreibungen. Mein Interesse an interkultureller Biografiearbeit erhielt hier viele wertvolle Impulse und Anregungen.”

Die in Berlin lebenden polnischstämmigen Frauen waren im Austauschprozess von großer Bedeutung, sie stellten Brücken der Begegnung her, waren Mittlerinnen zwischen den Welten. In Krakau und Berlin arbeiteten die Frauen-Gruppen zum Thema der generationsübergreifenden Folgen des zweiten Weltkrieges mit einem jeweils anderen Ansatz. Auch drei Generationen nach dem Weltkrieg sind bei den Krakauerinnen Beklemmungen, sich einem belasteten Ort wie Berlin zu nähern, spürbar. Umgekehrt hat jemand wie ich, die ich mich aufmachte, hinter das Schweigen in meiner Familie zu schauen, in Krakau Erschütterungen zu verarbeiten.

Die Psychotherapeutin Anna Leszczinskaya-Koehnen schreibt in der Zeitschrift ‚Psyche‘ vom April 2016 in einem Überblicksartikel zu den Forschungen der Arbeitsgruppe aus den 50er Jahren um Antoni Kepińsky, Krakauer Psychiater, zu den Folgen der KZ-Haft Auschwitz Überlebender :

Es braucht die Anstrengung mehrerer Generationen, um die Welt wieder zu einem Ort werden zu lassen, dem man vertrauen, an dem man sich beheimaten kann.“ 1

Ich habe in der Gruppe ‚Töchter von Kriegseltern‘ die Geschichte von Irmgard Heiss vorgestellt. Es gibt in meiner engeren Familie zwei Opfer der Nazi-Herrschaft.

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Ca. 1913

Irmgard Heiss, geb. 1897 (im Bild links), war die Schwester meiner Großmutter. Sie starb 1944 an den Folgen der Hungerbehandlung in der Anstalt Weilmünster. Ihr Bruder Karl Friedrich Stellbrinck, geb. 1894, protestantischer Pfarrer in Lübeck (im Bild rechts), schloss sich um 1940 einer Gruppe von katholischen Geistlichen an, die der Gleichschaltung der Meinungen und dem Terror trotzte. So betreuten sie Zwangsarbeiter, darunter viele Polen, seelsorgerisch und verbreiteten heimlich die Hirtenbriefe und Predigten des Bischhofs von Galen aus Münster in der Stadt Lübeck. Die Predigten des Bischhofs waren 1941 die einzigen offenen und politischen Proteste gegen die geplanten und von Ärzten durchgeführten Krankenmorde im Deutschen Reich. Irmgards Bruder, der an die Familie appellierte, die Schwester aus der Hungeranstalt abzuholen, wurde noch vor dem Tod seiner Schwester gemeinsam mit den drei Kaplänen hingerichtet.

Irmgards Jugendfreundin Hildegard Dieckmeyer, geb. 1895 (Bildmitte), heiratete Karl-Friedrich und blieb nach seiner Hinrichtung mit vier Kindern zurück.

1940 ist mein späterer Großvater mütterlicherseits als Wehrmachtssoldat in Tarnow . Obgleich Sozialdemokrat von Gesinnung und nicht NSDAP-Mitglied, ist er – wie schon im ersten Weltkrieg in Belgien – williger Vollstrecker beim Überfall auf Polen.

In einem Brief an seine Tochter schreibt er aus Tarnow, er müsse den Brief nun schließen, um die „Pflicht eines deutschen Mannes“ zu erfüllen.

Als am 7. September 1939, also gestern vor 77 Jahren, die deutschen Verbände 65 km östlich von Krakau die Stadt Tarnow, auf einem Ausläufer der hohen Tatra, besetzten, begann auch dort augenblicklich der Terror. Von den 40 Synagogen der Stadt mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von etwa 50%, waren bis November 1939 alle zerstört. Die ansässigen Juden sowie diejenigen der Umgebung, zunächst zur Zwangsarbeit gepresst, wurden ab 1942 auf unvorstellbare Weise in der Stadt ermordet.

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Der jüdische Friedhof von Tarnow im Sept. 2016

(Informationen über Tarnow: Denkmal für die ermordeten Juden Europas, www.stiftung-denkmal.de/ Israel Unger, Carolyn Gammon: Das ungeschriebene Tagebuch des Israel Unger, 2014)

Der polnischen Bevölkerung wurde von den Besatzern bekanntlich nur ein Daseinsrecht als Arbeitssklaven zugestanden. Das Generalgouvernement sollte lediglich ein Arbeitskräftereservoir für die „Herrenmenschen“ darstellen, höhere Bildung war für Polen verboten. Menschen wurden rücksichtslos von der Straße weg zur Zwangsarbeit ins fremde, feindliche Deutschland entführt, von ihren Familien getrennt. Viele von ihnen erkrankten unter diesen Umständen und wurden in Psychiatrien eingeliefert. Auch an Tuberkulose erkrankte Zwangsarbeiter gehörten zu den Opfern. Kinder der ZwangsarbeiterInnen wurden nicht versorgt und verhungerten in Sammelstellen der Lager, euphemistisch „Ausländerkinderpflegestätten“ genannt, während die Mütter zur Arbeit gezwungen wurden. Auch dieses große Leid mit seinen Auswirkungen ist noch kaum aufgearbeitet.

Anna Leszczinskaya-Koehnen weist in ihrem Artikel darauf hin, in der deutschen Geschichtsaufarbeitung sei bisher nur ungenügend wahrgenommen worden, dass der Vernichtungskrieg nicht erst mit dem Angriff auf die Sowjetunion begann, sondern schon mit dem Überfall auf Polen. Hierzu schreibt sie: „Bei dem Plan, die polnische Führungsschicht zu eliminieren, spielten Lager und Gefängnisse eine zentrale Rolle und zu diesem Zweck wurde auch das Konzentrationslager Auschwitz gegründet, wo der erste Transport polnischer Häftlinge im Juni 1940 eintraf.“ 3 Dieser erste Transport erfolgte aus Tarnow. Ich erinnere mich an das gemeinschaftliche Schweigen, wenn sich die Männer meiner Familie auf den Familienfeiern, innerlich wohl in ihren Kriegserinnerungen, zum Rauchen zurückzogen. Ein beklemmendes und vielsagendes Schweigen war das. Wir Kinder wussten intuitiv, dass sich dahinter schreckliche Dinge verbargen. Wir hassten diese Zusammenkünfte, auf denen die dicken Nebelschwaden der undurchsichtigen Vergangenheit sich immer wieder aufs Neue zusammenzogen, wie der Zigarettenrauch. Mit wem hätten unsere Großväter und Väter auch darüber sprechen können? Einer aus der gleichen Stadt, etwas jünger als mein Großvater und im Gegensatz zu ihm ehemaliges SS-Mitglied, hat noch bis vor kurzem unerkannt dort ein ruhiges Leben geführt. Mit 94 Jahren wurde Reinhold Hanning als ehemaliger SS-Wärter in Auschwitz vor kurzem in einem international stark beachteten Prozess zur Verantwortung gezogen und zu vier Jahren Haft verurteilt.

Als ich an diesem gerade zurückliegenden 1. September meinen Aufenthalt hier in Krakau antrat, sah ich am Morgen all die ordentlichen und schick gemachten Schüler mit ihren Eltern und Großeltern im Schlepptau in die Versammlungshallen zur Schuljahresfeier eilen. Słavka erzählte mir, dass das für sie als Kind ein eher belastetes Ritual war. Schule und Kriegsbeginn seien auf diese Weise unglücklich miteinander verschmolzen worden. Ich dachte bei dem Anblick der vielen feierlich gestimmten Kinder und Jugendlichen: Auf diese Weise wird die Vergangenheit mit jedem Schuljahresbeginn symbolisch immer wieder aufs Neue besiegt.

Psychotherapeuten wie Dan Bar On (1997) und Isidor Kaminer (2006) berichten darüber, wie sehr Kinder für die Überlebenden der Shoah ein Stück Heilung bedeuteten. Es war schwer für sie, sich in ihrer Elternfunktion zur Verfügung zu stellen. Denn die Kinder und Enkelkinder der Traumatisierten stellten häufig ein psychisches Regulativ für ihre Angehörigen dar. Doch zahle die nächste Generation einen hohen Preis für solche unbewussten Verkettungen zwischen den Generationen. Die Folge sei gewesen, dass diese Kinder kaum einen eigenen Raum für ihr eigenes innerpsychisches Erleben entwickeln konnten und nur schwer Abgrenzungsfähigkeit von der Elterngeneration erlangten.

Die Arbeiten der Forschungsgruppe um Antoni Kepińsky aus der Krakauer Psychiatrie Kobiercyn haben schon in den 60er Jahren zu einem veränderten Traumabegriff beigetragen. Damals erlebte Europa den Höhepunkt des Kalten Krieges und ein Austausch mit Ärzten aus Deutschland fand kaum statt. In Psychotherapien in Deutschland wurden bis in die Gegenwart hinein die Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und Kriegstraumata ausgeblendet. Der Psychotherapeut und Hochschullehrer Radebold z.B. berichtet, wie Anträge auf Forschungsmittel zu diesem Feld immer wieder abgelehnt wurden. Erst jetzt bricht das Schweigen unter den Anstrengungen der nächsten Generation auf, die Welt wieder zu einem bewohnbaren Ort zu machen. Der Raum, in dem das möglich war, musste durch diese Erinnerungskultur erst geschaffen werden. Es ist eine Art von Graswurzelbewegung. In unserer Kriegstöchter-Gruppe stärkten wir uns gegenseitig beim Zuhören, durchlebten gemeinsam Trauer, sangen Lieder zusammen, begegneten uns auf einer tieferen Ebene.

Die Geschichte von Irmgard Heiss wurde über Jahrzehnte verschwiegen, ihr ein Platz im Familiengedächtnis verweigert. Sie ist auch diejenige einer ausgegrenzten Frau, die das weibliche Pflichtprogramm einer bürgerlichen Familie aus der Zeit zwischen den Weltkriegen nicht leben konnte und es wohl auch nicht leben wollte. Arm, weiblich, ausgegrenzt, diese Lebensumstände formten häufig den Hintergrund einer psychischen Erkrankung. Erst seit einigen Jahren ist in Deutschland die Situation eingetreten, dass eine Handvoll Angehöriger begonnen hat, die Biografien der Ausgegrenzten aufzuarbeiten. Eine davon, Johanna Herzing, ist Rundfunkredakteurin beim Sender Deutschlandradio. Sie hat dem Schicksal ihrer Tante Trude nachgespürt, die im damaligen Meseritz Obrawalde (Miedzyrzecz Obrzycach) ermordet wurde. Ihr Radio-Feature „Tante Trude“ kann man nachhören. Bei ihrer Recherche trifft sie am Ort einen jungen Psychologen, Lukasz Packowski. Du willst wissen, welchen Einfluss das auf die nachfolgende Generation in Deiner Familie hat, oder?“ wird er im Rundfunkfeature zitiert. „Ich weiß nicht, was den größten Einfluss hat: Der Umstand, dass jemand in der Familie psychisch krank war. Oder dass jemand umgebracht wurde, der psychisch krank war. Oder dass man einer Nation angehört, die sich für die ‚Euthanasie‘ psychisch Kranker entschied.“ 4 Ich würde die Frage für mich so beantworten: Es war nicht entscheidend, dass jemand in der Familie psychisch krank war. Ich empfinde als das Schlimmste, dass meine Familie einen Menschen aus ihrer Mitte ausgeliefert hat, obwohl sie spätestens seit 1941 über die Morde informiert war. Dies war wohl nur möglich in einer Nation, die sich für die Ermordung Kranker entschied. Die Kranken- oder unangepassten Menschen am Rand, sie alle galten den Menschen dieser Gesellschaft ebenfalls als ‚Untermenschen‘. Leisteten sie nicht genug für die Volksgemeinschaft, hatten sie ihr bisschen zugestandenes Lebensrecht verloren.

In der Ausstellung über die deutsche Besatzungszeit im Museum ‚Schindlers Fabrik‘, finde ich zu ‚Krakau als Hauptstadt des Generalgouvernements‘ folgende Aufnahme aus einer Ausstellung für die deutschen Besatzer in den Tuchhallen auf dem Hauptmarkt von Krakau, 1944:

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WENN DIE KRAFT ZUM KAMPF UM DIE EIGENE GESUNDHEIT NICHT MEHR VORHANDEN IST ENDET DAS RECHT ZU LEBEN IN DIESER WELT DES KAMPFES“, lautet die Inschrift.

Was auch in Polen noch wenig bekannt ist: Beim Vormarsch der deutschen Verbände wurden auf polnischem Gebiet ganze Psychiatrien liquidiert. Die Ermordung von psychisch Kranken in Polen durch SS-Verbände unter den Augen der Wehrmacht gleich zu Beginn des Krieges gilt als vorbildhaft für die planmäßigen Krankenmorde im Reich und als Auftakt der Judenvernichtung. Der 1. September 1939 war zugleich das Datum des Beginns der Krankenmorde, geplant und ausgeführt von Ärzten und Bürokraten der Arbeitsgruppe, die in einer Villa mit der Adresse Tiergartenstraße 4 (T4) in Berlin ihren Sitz hatte. Hitler ließ symbolträchtig den sogenannten „Euthanasie Erlass“ vom Oktober auf den Beginn des Krieges zurückdatieren und unterstrich damit: Die Kranken, Andersartigen und Unangepassten, verkörpern einen Inneren Feind‘, den es in der eigenen Volksgemeinschaft zu eliminieren gilt. Aus polnischer Sicht zitiere ich hierzu Tadeusz Nasierowski (2006) in einem Artikel des ‚International Journal of Mental Health‘: Die Vernichtung der Geisteskranken während des zweiten Weltkrieges ist eine auch unter Psychiatern wenig bekannte Tatsache. Durch den Holocaust in den Schatten gestellt, hatte sie keine Chance, auf Dauer in das Gedächtnis der nachkommenden Generation zu gelangen. Und doch war es der Anfang vom Völkermord, ein Versuchsgelände, das den Nazis dazu diente, wirksame Methoden des industriemäßigen Tötens von Menschen zu erarbeiten.“ 5

An der Adresse Tiergartenstraße 4, direkt an der Berliner Philharmonie, befindet sich seit einiger Zeit ein Gedenkort, der über die Zusammenhänge umfassend informiert. Ein Förderkreisals e.V. hat sich gegründet, um weitere Schicksale aufarbeiten zu helfen, die Erinnerung lebendig zu halten, die Gegenwart zu prüfen und endlich die Namen der Opfer zu nennen. Jeder kann mitarbeiten. Informationen hierzu finden sich auf www.gedenkort-t4.eu. Die Webseite ist auch in polnischer Sprache verfügbar. Anna Leszczinskaya-Koehnen zitiert am Ende ihres Artikels einen ehemaligen Patienten mit den Sätzen: „Unser Leben ist sehr von dieser schlimmen Vergangenheit bestimmt, nach wie vor. Mich fordert diese Last auch heraus, tiefer zu leben und zu geben, als dies vielleicht ohne diese Vergangenheit der Fall wäre.“

1 Anna Leszczynska-Koenen, 2016, Psychiatrie nach Auschwitz. Psyche, Heft 5, Mai 2016: 406, 393.
2 Frank Schneider, Petra Lutz, (Hg. DGPPN 2014), Ausstellungskatalog „erfasst, verfolgt, vernichtet; Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“
4 Johanna Herzing, 2016, Tante Trude, Erinnerungen an einen Euthanasiemord. Feature/Hörspiel, gesendet am 31.5. 2016. Deutschlandfunk.de/tante-trude-erinnerung-an-einen-euthanasiemord-pdf.media, abgerufen am 8.9. 2016.
5 Gelsenzentrum.de/ns_krankenmorde_polen.html, abgerufen am 7.9. 2016, in einer Übersetzung der Originalfassung. In: International Journal of Mental Health 35/3: 50 – 61, Tadeusz Nasierowski, 2006, In the Abyss of Death: The Extermination of the Mentally Ill in Poland During World War II: 50 – 61.
 

 

 

 

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