Die nicht vergangene Vergangenheit

von Annette Trost

Meine Ankunft in Krakau

Gerade für meinen zweimonatigen Erasmus-Aufenthalt in Krakau angekommen hat mich das Thema „Zweite Generation“ schon gleich  auf dem Bahnhof „erwischt“. Der Taxifahrer, dem  meine Nationalität nicht entgangen war, fragte mich, als er mir beim Einladen des nicht gerade leichten Gepäcks half, ob ich denn Steine eingepackt hätte. Aus dem Rhein oder vielleicht aus der Oder? Auf den Scherz eingehend antwortete ich: “Nein, aus der Spree“ – „Aus Berlin kommen Sie also?“- fragte der Taxifahrer. „Wieso sind Sie denn so weiß?“ Nur langsam habe ich den Witz kapiert. Auf diese Weise hat er offensichtlich versucht, über die deutsche Flüchtlingspolitik zu scherzen. „In Berlin wird es wohl bald mehr dunkelhäutige als weiße  Menschen geben …“   Der Witz war zwar eher nur mittelmäßig, aber darüber entwickelte sich ein interessantes Gespräch über Flüchtlinge. Meine geäußerten Gedanken dazu, wie wichtig und menschlich es ist, den Menschen in ihrer Notsituation zu helfen und wie diese Menschen auch unser Leben bereichern können, kurz – wie „Multi-Kulti“ unser Leben positiv verändern kann, haben den Taxifahrer zunächst zum Schweigen gebracht. Ich dachte dabei an die weit verbreiteten Vorbehalte und Ängste in Polen gegenüber Flüchtlingen und vermutete, dass damit das Gespräch wohl beendet sein würde.

Zu meiner Überraschung griff der Taxifahrer das Thema von einer ganz anderen Seite wieder auf. Er berichtete, dass seine Mutter am Ende des Krieges aus Lemberg vertrieben wurde und sie ihm häufig darüber erzählt hat. Über diese schöne Stadt in der Polen, Ukrainer, Österreicher, Juden und Armenier friedlich zusammen gelebt haben. Man spürte sehr deutlich die Wehmut, die mitschwang, die sich offensichtlich von seiner Mutter auf ihn übertragen hatte.

Die Fahrt war zu Ende. Ich bin ausgestiegen und war sicher, dass nach so einem Anfang mein Erasmus-Aufenthalt in Krakau zum Thema „Kriegsenkelinnnen“ sehr fruchtbar sein wird.

 

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