Begegnung (1)

von Uta Herrmann

Lebendige Brücke zwischen Krakow und Berlin

Gerade in Krakow eingetroffen, fand die erste Veranstaltung schon wenige Stunden später am nächsten Tag um 16 Uhr statt. Das war einer der langsamen Freitage, um die Woche ruhig ausklingen zu lassen. Dabei habe ich Frauen wieder getroffen, die schon 2014 mit mir einiges unternommen haben, so Jagoda. Ganz herzlich haben wir uns begrüßt. Oder Alina, die viele Projekte in der Ukraine koordiniert. Und Katarzyna zähle ich in diesem Fall nicht, da wir uns die gesamte Zeit nahe gewesen sind, wenn auch nicht im örtlichen Sinne. Mein Part war heute nun, über meine Erfahrungen mit den EU-geförderten Projekten zu berichten, wie sie mich persönlich beeinflusst haben, was geblieben ist, wie viel Polen in Berlin in mir ist usw. Für eFKa hatte ich dafür als Geschenk ein Fotokalender für 2017 in Eigenproduktion hergestellt. Begegnungen bei S.U.S.I., Treffen bei eFKa wechseln sich dabei ab. Diesen Kalender kann sich eFKa ins Büro hängen und es bleibt für das gesamte Jahr etwas. Anhand dieser Fotos habe ich von dem ersten Austauschprojekt berichtet. Ein zweiter Punkt war meine Power-Point Dokumentation über meinen Aufenthalt 2014 in Krakow und zu meiner Biografie. Bei eFKa habe ich mich kürzer gefasst, auch weil die Präsentation nur am Laptop nicht sehr optimal war. Ergänzt habe ich alles mit Veranstaltungen (z.B. die Filmdokumentation Kriegsenkelinnen, die wir in verschiedenen Frauen-Einrichtungen gezeigt haben) oder unsere deutsch-polnischen Treffen in der Pierogarnia, Einkäufe in polnischen Läden in Berlin, die Fahrt mit meinem Mann zu Kasia nach Belgien, Brüssel im März 2015. Leider war sie da nicht da, aber wir waren bei ihrem Mann Marek. Auch das natürlich eine Auswirkung des Austausches. Die Gruppe Töchter von Kriegseltern ist ja auch in Berlin eine deutsch-polnische Frauengruppe. Auch das ist für mich Austausch und gehört unbedingt dazu. So natürlich auch unsere herrliche Fahrt im Sommer 2015 nach Stettin und unsere Treffen – wo immer gesungen wurde – bei S.U.S.I. – deutsch und polnisch natürlich.

Ich sprach auch über meine Eindrücke von 2014 in Auschwitz. Und daran schloss sich eine Diskussion an. Für Engländer und auch Amerikaner ist Auschwitz ein KZ in Polen (also ein polnisches KZ, von der deutschen Besetzung wissen sie nichts – diese heutige Generation jedenfalls nicht). Das wird hier gerade stark thematisiert und die Polen sind zu recht empört. Auch ich erzählte, dass in Deutschland bei nachfolgenden Generationen viel Unwissen über diese Ereignisse herrscht. Gerade dieser Tage feiert ein guter bekannter seinen 90. Geburtstag. Er, Kurt Gutmann, überlebte den Holocaust dank der Kindertransporte 1939 nach England. Sein älterer Bruder und seine Mutter kamen nach Auschwitz und er sah sie nie wieder. In »Das Vermächtnis« spricht er darüber als Zeitzeuge. Dieses Programm enthält Erzählungen von Überlebenden, welche vom »USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education« in Los Angeles gesammelt wurden. Die von Steven Spielberg 1994 begründete Stiftung trug insgesamt ca. 52.000 Interviews zusammen, die in 36 Sprachen in 56 Ländern aufgenommen wurden. Wir, die Nachkriegsgeneration, sind die Zeugen der Zeitzeugen. Wir kennen noch Betroffene, Verfolgte. An uns liegt es, ihre Geschichte, ihre Erzählungen aufzuschreiben, aufzuheben und nicht zu schweigen. So wie wir das Video – Interview von Kurt aufheben und weitergeben werden. Auch an unseren Kindern liegt es, es wiederum ihren Kindern weiterzugeben. Denn sie werden kaum noch ehemalige KZ-Häftlinge kennen lernen können. Sie sind jetzt schon um die 90 Jahre alt, die die überhaupt noch leben.

Der Blog, auf dem wir alle berichten, ist schon etwas. Öffentlichkeitsarbeit, Austausch über Ländergrenzen hinweg, Nützlichkeit der Projekte der EU mit unseren Nachbarn nachweisen usw. So verstehe ich das. Der langsame Freitag ging bis 19 Uhr, dann gingen wir 6 Frauen auseinander. Es gab Beifall und die Bitte um eine Fortsetzung.

Die wurde dann für den Dienstag angekündigt. Kurz habe dazu schon heute etwas erzählt. Ich möchte Teile des Films „Die Schlüssel“ Klucze zeigen. Er spielt in Krakow Anfang 70 er Jahre. Erzählt habe ich wie ich auf den Film gekommen bin und die erste Besichtigung mit 2 Polinnen aus unserer Gruppe und Barbara als Westdeutsche und ich als Ostdeutsche – unterschiedliche Reaktionen. Dazu dann zur Veranstaltung mehr. Auch die wird wieder bei eFKa sein. Kasia hat noch angeregt, darüber ein Essay zu schreiben – hatte ich ja alles vor. Nun könnte es wahr werden. Denn auch das blieb heute nicht aus – ich erzählte vom Tod meiner Mutter vor gerade mal 2 Monaten. Denn sie war auch auf einem Foto in meiner Dokumentation, da ich mit zwei meiner damals noch drei Schwestern hier in Krakow ihren 70. Geburtstag feierten. Diese Reise hatte sie sich gewünscht….. Und es war eine wundervolle Fahrt mit dem Zug nachts von Lichtenberg, am Morgen ankommen am Hauptbahnhof von Krakow und dann ins Hotel Floryan.

 

In meinen Äußerungen erwähnte ich die Methode der Biografischen Interviews (narratives Erzählen), die in der sozialen Arbeit und eben auch in der Aufarbeitung von Geschichte sehr viel Aufschluss bieten, wenn sie professionell angewandt und ausgewertet bzw. aufbereitet werden. Das könnte ich mir auch als ein Ergebnis des Projektes vorstellen: gemeinsam eine Publikation zu erarbeiten mit Gesprächen, Zeugen der Geschichte oder von den Nachfahren (wir) erzählt. Erzählen und dabei unweigerlich über die eigene biografische Situation stärker Nachdenken, hat auch therapeutische Funktion und die Erkenntnisse können der nachfolgenden Generation helfen.

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