Begegnung (3)

von Uta Herrmann

Lebendige Brücke zwischen Krakow und Berlin

Wie schon am 3. Februar angekündigt, treffen sich an diesem kalten Dienstagabend Frauen in den Räumen von eFKa in der ul. Krakowska 19, um sich gemeinsam mit mir den Film anzusehen, den ich speziell für sie, für die Krakauerinnen mitgebracht habe. Während in Berlin in diesen Tagen die 67. Internationalen Filmfestspiele – die Berlinale- eröffnet wird genießen wir hier in Krakow unser ganz persönliches Filmerlebnis. Wir erwärmen uns an und mit Tee und Kaffee und feiern unsere eigene kleine „Krakonale“. Wie so häufig gibt es auch hier zunächst Schwierigkeiten mit der Technik. Während die Probleme gelöst werden, erzähle ich auf russisch einiges über den Film. Unter anderen, dass es in diesem Film viele reale Aufnahmen gibt, – der Film wollte so viel Realität zeigen wie möglich und nicht, wie sich die Dramaturgie das Leben vorstellt. Da der Film in Krakau spielt, ist es ein besonderes Vergnügen ihn hier zu sehen.

Vor 43 Jahren – auch im Februar – wurde der Film Die Schlüssel (Klucze) im Kino International uraufgeführt. Die Frauen sind gespannt, was da kommt und wollen die volle Länge sehen. Sie reden laut durcheinander und ich denke schon, na das war wohl nichts….. aber sie reden über das, was sie sehen. Und plötzlich schreit eine der Frauen, Roma, auf, sie hat einen Nachbarn in der kirchlichen Prozession erkannt. Man redet über die Mode, wie Ceslaw Niemen aussah und sang. Über die junge Schauspielerin, die dann sehr berühmt wurde. Irgendetwas stimmt mit dem Bild nicht, bis auffällt, dass das Kaufhaus Jubilat fehlt. Es wurde erst zwei Jahre später gebaut. Am Ende sind alle hocherfreut, diesen Film gesehen zu haben, empfinden es als ein Geschenk. Und ich fand das gemeinsame Sehen des Films in der Krakauer Frauengemeinde als Geschenk. Unsere kleine Krakonale geht zu Ende. Die „Langsamkeit „ des Films kam an, besonders in diesem Kreis. Aber nicht nur dort. Wir sahen den Film ja auch in einer kleinen Gruppe in Berlin. Doch was für ein Unterschied in den Temperamenten seiner Zuschauerinnen!! In der Karl-Marx-Allee saßen an einem Sommernachmittag wir – zwei Pollinnen Joanna und Joanna, die schon mehr als 30 Jahre in Deutschland leben, Barbara (in der BRD sozialisiert) und ich (in de DDR aufgewachsen) voller Spannung, konzentriert, ruhig um auch ja nichts zu verpassen, vor dem Fernseher. Und hier in der Krakowska 19? Ehrlich gesagt, war ich schockiert, bis mich Slawka aufklärte. Sie sprechen über den Film, auch wenn sie dabei so laut sind, dass sie auch die Szenen in polnischer Sprache übertönen. Die Versöhnung kam am Ende mit ihrem Dank.

Hier noch etwas Hintergrund zum Film Klucze Die Schlüssel

aus dem Jahr 1973, Uraufführung war am 21. Februar 1974, also vor 43 Jahren im Kino International in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte, Ostteil . Es ist eine Produktion der DDR, DEFA-Produktion mit ausgezeichneten Schauspielern wie Jaecki Schwarz und Jutta Hoffmann, Regisseur Egon Günther ebenfalls sehr bekannt. Die Aufnahmen in Krakau entstanden mit Unterstützung der Filmgruppe „Illusjon“ aus Warschau. Er lief damals nur kurz im Kino. Es gab Einwände vom Kulturministerium der DDR aber – und das vor allem – von der Polnischen Botschaft in der DDR. Danach wurde der Film gekürzt, aber auch dann nur kurze Zeit gezeigt. Auch Verkäufe ins Ausland und Verträge mit der BRD und CSSR mussten storniert werden. Der Film verschwand nach einiger Zeit irgendwo im Archiv.

Damals war ich 18 Jahre alt. Obwohl ich mich für Filme vor allem auch Gegenwartsfilme (DDR-Produktionen, Osteuropa, Sowjetunion) interessierte, habe ich davon nichts mitbekommen. Als der Film 1993 nach der Wende erstmals im TV gezeigt wurde – ARD 3Sat, lebte ich nicht in Deutschland, war als Korrespondentin von 1988 bis 1998 in Moskau tätig. Ich erzähle das so ausführlich, weil ich erklären möchte, warum ich diesen Film mit nach Krakau gebracht habe und ihn für unsere gemeinsame Arbeit für den Austausch für gut erachte.

Mich fragte, nachdem ich hier 2014 in der Stadt Krakau war, nämlich eine Berliner Polin aus unserer Gruppe Joanna Lesnik – sie kommt aus Krakow, ob ich den Film „Die Schlüssel“ mit Jutta Hoffmann kenne. Nein,war meine Antwort. Aber meine Neugier war geweckt. Es stellte sich heraus, dass es auch heute schwer ist, diesen Film auf DVD zu bekommen. Erst etwa vor einem Jahr, im März 2016 – da wurde zum 75. Geburtstag der Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann eine Sonderedition mit vier Filmen herausgegeben – und zum Glück war er darunter. Diese Edition bekam ich zum 8. März vor einem Jahr überreicht – und war glücklich.

In der Gruppe Töchter von Kriegseltern/Kriegsenkel fand der Film auch Interesse und eine kleine Gruppe kam zusammen, und wir sahen ihn an einem warmen Julinachmittag bei mir in der Wohnung an. Und auch das war ein Erlebnis: zwei Polinnen Joanna Jordan und Joanna Lesnik (die den Film schon in den 90ziger gesehen hatte), Barbara eine in Westdeutschland/Westberlin aufgewachsene Frau, und ich , in Ostberlin, der DDR sozialisiert. Joanna J. ist 6 Jahre jünger als Joanna L. und ich (wir sind beide Jahrgang 1955). Das spielt insofern eine Rolle, weil 6 Jahre Altersunterschied in diesem Zeitraum von Bedeutung ist. Einiges war auch der jüngeren Polin unbekannt. Für Barbara war alles Neuland – die Musik von Czeslaw Niemen kannte sie überhaupt nicht – in der DDR war er ein sehr bekannter Musiker. Auch bestimmte Inhalte des Films (Arbeiterin, stolz auf ihre Arbeit und möchte da eigentlich nicht weg, möchte nur die entsprechende Anerkennung erhalten, auch von ihrem studentischen Freund) – das glaubte sie nun gar nicht. Hier meine ich den Monolog in der Tram – da fehlten ihr doch das „sozialistische Hinterland“ (sage ich jetzt mal so und hoffe, ihr nicht Unrecht zu tun) – es war ehrlich gemeint, denke ich. Trotz unserer unterschiedlichen Sichtweisen auf den Film – gefallen hat er allen und es war gut ihn gemeinsam als Deutsche und Polen anzusehen. Auch weil er in unserer Gruppe gezeigt wurde, wollte ich ihn mit nach Krakau nehmen – eine Berliner Aktivität nach Krakow mit im Koffer.

Der Film endet tragisch – mit dem Tod der jungen Frau bei einem Unfall mit der Tram hier auf der Krakowska. Sehr berührend für mich die Szene ohne Worte auf dem Bahnhof, wo der Güterwagen mit dem Sarg sehr umständlich beschriftet wird und zum Schluss noch mit dem großen Kreuz aus Kreide versehen wird– lange malt der Bahnangestellte daran. Eine junge Deutsche Frau wird auf diese Weise aus Polen zurück nach Deutschland, in die DDR gebracht. Assoziationen bleiben da nicht aus – Züge, Güterwaggons mit Menschen vor damals nicht einmal etwa 30 Jahren. Nur eben umgekehrt. Eine deutsche Tote für tausende Polen? Diese Frage stellt sich.

Immer wieder gibt es im Film kleine Hinweise, ohne große Wort z.B. die Nummer am Arm eines Polen beim Mittagessen. Das Thema 2. Weltkrieg kommt immer wieder vor. Und dann die ausgelassenen Studenten, die die Deutschen einfach mit aufnehmen…..Das neue Verhältnis von Deutschen und Polen in der neuen Generation wird deutlich.

So sollte es sein, so habe ich es damals empfunden, so bin ich aufgewachsen – nicht nur in der Schule. Auch zu Hause wurde ich im Sinne des Humanismus, gegen Feindschaft anderen Völkern gegenüber erzogen – Literatur, Musik, Sprachen spielten in meiner Erziehung eine wichtige Rolle. Ich selbst begann als etwa 13 jähriges Mädchen Brieffreundschaften zu Gleichaltrigen in in den sozialistischen Ländern zu schließen. Später kamen bei Reisen die persönlichen Begegnungen dazu, darunter auch zu Polinnen.

Einige Szenen im Film waren so nicht geplant. Der Arbeiter z.B. im Tram-Depot- er war nicht vorgesehen, doch der Regisseur lies es laufen. Auch für die DEFA war das ein Ausnahme-Film. Er sollte die Realität zeigen und keine Dramaturgie des Lebens sein. Das scheint mir auch so.

Heute nun mit über 60 Jahren, zu Beginn des ersten Programms von Grundtvig noch 50 plus, bin ich froh über die Gelegenheit, die persönlichen Begegnungen weiter zu praktizieren. Das Erasmus + Programm ist eine Fortführung und regt zum lebenslangen Lernen an, gibt Impulse. Im Alltag von Frauen, die auf der einen Seite für die Pflege der eigenen Mütter/Väter da sind, und auf der anderen Seite als Oma auch für die Enkel sorgen– was wiederum die eigenen Kinder entlastet, ist das nicht so einfach. Dann ist man noch Ehefrau und ganz zum Schluss auch noch ein Mensch, eine Frau mit eigenen Bedürfnissen und Zielen. Da braucht es schon manchmal Impulse, wie zum Beispiel die EU-geförderten Programme. Wäre ich sonst hier? Ich glaube nicht. Anregungen von außen sind gut, von uns werden sie mit Leben gefüllt und ich denke, diese Begegnungen werden etwas Bleibendes haben. Deutsche und polnische Frauen müssen als Nachbarinnen zusammenhalten, sich verständigen, austauschen – egal was in der Politik passiert. Auch das lehrt die Geschichte unserer beider Länder. Zufällig ist heute Angela Merkel zu Gesprächen auch mit Beata Szydlo nach Warschau gereist. Aber das spricht hier keine der Frauen an, weil es für unserer gegenseitiges Verständnis keine Bedeutung hat.

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