Erinnerung in Polen und Deutschland – Wie ist Austausch möglich?

von Heike Rohmann

Wie können deutsch-polnische Begegnungen zur Thematik unseres Projekts – die Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges bei Frauen der zweiten und dritten Generation – gelingen, trotz der vielen Tabus und Fallstricke, die sich aus der von Krieg, Völkermord, Vertreibung und Totalitarismus überschatteten deutsch-polnischen Geschichte ergeben und die einen offenen Austausch oft schwierig machen? Das war meine zentrale Frage während meines Aufenthaltes. Unser gemeinsames, deutsch-polnisches Projekt gehört zu den zivilgesellschaftlichen Initiativen als Teil der europäischen Erinnerungskulturen. In diesem Zusammenhang habe ich Gespräche geführt, die Arbeit von eFKa dokumentiert und in Hinblick auf weitere Möglichkeiten des Austausches und der gegenseitigen Unterstützung analysiert.  Mir ging es darum, gemeinsame Ansatz- und Anknüpfungspunkte zu finden, aus denen sich für alle Beteiligte fruchtbare Gespräche ergeben können, und zu erkunden, wie die Bedingungen für solche Gespräche und die gegenseitige Vermittlung der eigenen Perspektive innerhalb beider Partnerorganisationen und auch in der Zusammenarbeit zwischen ihnen gestaltet werden können.

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Hinterlassenschaft: Reste des ehemaligen KL  Plaszow

Zwei Veranstaltungen habe ich u.a. in Zusammenarbeit mit EfKA durchgeführt. Eine dieser Veranstaltungen war ein deutsch-polnisches Gesprächspodiums, zusammen mit zwei weiteren Teilnehmerinnen, den Autorinnen Katarzyna Turaj-Kalińska und Roswitha Schieb und anschließender Diskussion in der ersten Woche (am 14.07.2016) meines Aufenthaltes. Alle drei Teilnehmerinnen stellten den Zuhörerinnen ihre besondere Perspektive der Thematik vor. Die Beiträge wurden konsekutiv in die jeweils andere Sprache übersetzt. Dafür war ich besonders dankbar. Nach meinen Erfahrungen scheitert die Verständigung zwischen Polen und Deutschen oft einfach an sprachlichen Problemen: Viele Texte, die für beide Seiten interessant wären, werden nicht übersetzt und sind daher nur für einen Teil der Dialogpartner zugänglich. Ich informierte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Initiierung und Durchführung von Kriegsenkel-Gesprächsgruppen in Berlin, an denen ich teilweise aktiv beteiligt war, und ging auch auf die Beweggründe der Initiatoren und Teilnehmer/innen ein, wobei Erfolge aber auch mögliche kritische Punkte erörtert wurden. Eine Bewegung der Kriegsnachkommen „von unten“ in dieser Form gibt es in Polen bisher noch nicht, obwohl es, nach Aussagen einiger Teilnehmerinnen, Gesprächsbedarf gibt und das Phänomen der transgenerationellen Weitergabe von Traumata auch in Polen thematisiert wird, z.B. in der Literatur. Eine Frage der Zuhörerinnen war, wie die Beschäftigung mit dem Krieg in der deutschen Gesellschaft, auch von den verschiedenen politischen Gruppierungen, aufgenommen wird. Auch interessierte sie die Frage, ob es Auswirkungen der Beschäftigung mit den Kriegstraumata auf die Einstellung zur Flüchtlingsfrage bzw. zur Aufnahmebereitschaft von Flüchtlingen gibt. Verschiedene Punkte, die sich aus der Diskussion ergeben hatten, vertiefte ich, neben meiner Mithilfe bei der Organisation, in den folgenden Tagen in Einzelgesprächen und Interviews mit Teilnehmerinnen an den Veranstaltungen von eFKa.

In meiner zweiten Veranstaltung, einem Impulsreferat mit dem Titel „KriegsenkelInnen im Gespräch über Grenzen hinweg“ in der zweiten Woche meines Aufenthaltes (21.07.2016), ging es um die oben genannte zentrale Frage meiner Beteiligung am Projekt: wie ein Austausch zum Thema im Rahmen der deutsch-polnischen Verständigung zustande kommen kann. Den Schwerpunkt bildete dabei die Diskussion mit den Teilnehmerinnen. Es existiert bisher vor allem ein Austausch der polnischen und deutschen intellektuellen Eliten, von dessen Ergebnissen interessierte BürgerInnen sicher profitieren können, die Frage stellt sich aber, wie auch ein verstärkter Austausch zur Thematik der schwierigen Geschichte und der Erinnerungskultur auch auf der zivilgesellschaftlichen Ebene beider Länder gefördert werden kann. Ich stellte aus meiner Sicht verschiedene Ansatzpunkte und Schwierigkeiten vor. In der Diskussion wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verarbeiten von Kriegstraumata in Polen und Deutschland weiter herausgearbeitet. Wir stellten fest, dass in der Erinnerungskultur die Leiden der Zivilisten, der Frauen und Kinder bisher eher vernachlässigt werden, während die Soldaten eine herausragende Rolle spielen. Aus Gesprächen mit Lehrerinnen und anderen in der Vermittlung tätigen Personen habe ich erfahren, dass gerade von polnischer Seite z.B. im Schüler/innen- oder Student/innen-Austausch eine gemeinsame Beschäftigung zu diesen Themen eher vermieden wird, teilweise aus Sorge davor, die Deutschen mit dieser Thematik zu brüskieren und in eine unangenehme Situation zu bringen. Ein besseres Wissen über die Perspektive und damit auch über mögliche Gefühle der jeweils anderen Seite, aber auch die Selbstreflexion über die eigene Perspektive und eigene Gefühle können hilfreich sein, um Unsicherheiten zu überwinden, so dass eine größere Offenheit möglich ist.

An diese Überlegungen anknüpfend stellte ich die Fragen: Welche Möglichkeiten bieten dabei Orte und Vereinigungen wie eFKa oder S.U.S.I., und zwar auch für diejenigen, die gerade nicht vor Ort sein können? Welche Möglichkeiten bieten z.B., Texte, verfasst auch von den Beteiligten, Bilder, Videos, die im Internet veröffentlicht werden können, wie können sie einen fruchtbaren Austausch und eine gemeinsame biografische Arbeit anregen und wie kann diese weiter ausgebaut werden?

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Geschichtsvermittlung: Freilichtausstellung vor dem Wawel

Eine Möglichkeit, Impulse zu geben, bieten Museen und Gedenkstätte, von denen auch immer mehr im Internet aktiv sind. Ich habe verschiedene solcher Institutionen in Krakau erkundet und mich auch darüber mit den Mitarbeiterinnen von EfKa ausgetauscht. Wirksam ist eine Arbeit mit Bildern, Texten und Ausstellungsexponaten, wenn sie Möglichkeiten auch zur Selbstreflexion bieten, d.h. wenn sie dem Betrachter erlauben, auch seine eigene Perspektive zu „entdecken“, sich ihrer bewusst zu werden und anderen mitzuteilen,  sie zu vermitteln.  Dies habe ich versucht herauszuarbeiten. Dafür habe ich vor allem in der dritten Woche meines Aufenthaltes Beispiele gesammelt, diese dokumentiert und analysiert. Auch dies ist ein möglicher Ansatzpunkt für einen Austausch, in dem beide Seiten sich besser kennenlernen können.

Für Vermittlerinnen ist es notwendig, die Perspektiven beider Seiten, basierend v.a. auf den Familiengeschichten, gut zu kennen und zu verstehen, als Ansatzpunkt für gemeinsame europäischen Prozesse der Erinnerung.

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