Begegnung (4)

Von Uta Hermann

Lebendige Brücke zwischen Krakow und Berlin

Es ist der 16. Februar 2017. Katarzyna Turaj-Kalinska hat mich in ihre Wohnung eingeladen. Pünktlich sitze ich in der Tram 8 Richtung Bronowice Male. Die Schriftstellerin hat mir eine genaue Wegbeschreibung geschickt und ich kann gelassen das Treiben auf den Krakauer Straßen aus dem Straßenbahnfenster genießen. Auf mehr muss ich nicht achten – nur auf meine Haltestelle. Nach etwa 20 Minuten Fahrt bin ich am Ziel, nach weiteren wenigen Minuten Fußweg auch an der Haustür. Der Empfang ist herzlich. In der Wohnung treffe ich auch auf Zofia Kalinska. Die Schauspielerin und Mutter von Katarzyna hat auch hier – neben ihrer eigenen Wohnung in Nowa Huta – ein Zuhause. Mit der 86jährigen komme ich schnell ins Gespräch. „Vor wenigen Tagen war ich zur 70. Jahresfeier meiner Schauspielschule eingeladen. Leider war ich die Einzigste aus meinem Jahrgang, obwohl noch weitere am Leben sind“, meint sie etwas wehmütig. Sie zeigt Fotos von dem Treffen, zu dem sie von ihrer Tochter begleitet wurde. Sie spricht mit mir gern über ihre Auftritte in Deutschland und in der früheren DDR. Das Maxim Gorki Theater hat ihr sehr gefallen und sie schwärmt von „Unter den Linden“. Später, nach dem Mauerfall, war sie hauptsächlich in westlichen Städten unterwegs Bremen, Köln, Dortmund, Hamburg. Auch heute ist sie noch tätig und wird in den nächsten Tagen für einen Videofilm Gedichte vortragen, die ihre Tochter aus dem Hebräischen ins Polnische übersetzt hat.

Mutter und Tochter an einem Tisch, vertraut nicht ohne Widersprüche und doch geeint durch gemeinsame Vergangenheit und gegenwärtiges Tun. Und auch die Sorge umeinander. Die Ältere wiegelt ab. Aber die Jüngere ist besorgt. Das verstehe ich gut und erkenne vieles wieder, was auch meine Beziehungen zu meiner Mutter ausmachten. Die Vergangenheit der Mütter hat in ihren Töchtern Spuren hinterlassen. Von Zofia erfahre ich von ihrer Flucht mit ihrer Mutter aus dem ehemaligen polnischen Osten in Westen des Landes.Später wird aus der russisch-ukrainischen Herkunft eine polnische. Der Mädchenname der Mutter von Zofia endet dann auf „ak“ statt „uk“. Katarzyna hat über die Flucht ihrer Großeltern geschrieben. Sie gibt mir die Zeilen.

Von der Schriftstellerin wollte ich über ihre nächsten Pläne erfahren. Von einem Buch als Europäerin, die in drei Ländern – Belgien, Polen, Schweiz, unterwegs ist, hatte ich zuletzt gehört. „Nein“, so Katarzyna, „derzeit befasse sie sich mit einem anderen Projekt.“ Ich bin gespannt und schon holt sie ihre elektronischen Notizen. Beide schauen wir in ihren Laptop und immer wieder öffnet sich ein neues Fenster. Es geht um Geschichten, um ihre Geschichte, um ihre Kindheit in Polen. „Sicher, es gibt viele, die sich derzeit damit befassen. Aber meine Enkel wollten soviel wissen.“ Ihre drei Enkelkinder leben in der Schweiz und wenn die babcia zu Besuch ist, muss sie erzählen….. Die Idee, diese Erzählungen aus ihrer eigenen Kindheit aufzuschreiben, war dann nicht mehr fern. Ich möchte die Bilder dazu. Wir verabreden uns zu einem Spaziergang durch Nowa Huta, in den Bezirk ihrer Kindheit. Über diesen Kiezspaziergang zu den Stätten der Jugend der Schriftstellerin wird in einer weiteren „Begegnung“ zu lesen sein.

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