Herkunft

Von Roswitha Schieb

Dieser kurze Text, entstanden nach einem Geschichtsworkshop, handelt von Missverständnissen im Zusammenhang mit den Themen Vergangenheit und Herkunft – und er behandelt diese produktiven Missverständnisse in humoristischer Weise.

Herkunft

Die Geschichtswerkstatt im Roten Rathaus war ungemein anregend. Über die Generationen hinweg kamen die Beteiligten ins Gespräch, Schüler mit Kulturschaffenden, ältere Leute mit Studenten, Polen mit Deutschen, Journalisten mit interessierten Bürgern. Die Frage, wie sich in Zukunft die östlichen Grenzregionen Deutschlands entwickeln würde, führte in die Ferne der Zeit, in die Zukunft und in die Vergangenheit gleichermaßen. Erzählte ein älterer Mann von seiner Kindheit in Pommern, so malte sich eine Schülergruppe auf einem Zeitstrahl die unerwartet rosige Zeit nach einem Dritten Weltkrieg aus. Kannte ein polnischer Lehrer jeden Stein, jeden Gegenstand aus der deutschen Zeit seines Ortes, so wußte ein deutscher Schüler nicht einmal, daß es eine deutsche Zeit je gegeben hatte, kannte dafür aber jeden Preis für polnische Zigaretten, polnisches Benzin, den polnischen Friseur an der Grenze auswendig. Die Luft flirrte über so viel unvereinbarem Wissen. Mancher Kopf schwankte. Aufgeladen sprühte der Saal. Da waren kleine Pausen willkommen. Raucherpausen vor dem Portal, mit Blick auf Baustellen und die Marienkirche. Aber schon ging es weiter, im Schatten der Vergangenheit die Zukunft im Visier. Und, wo kommen Sie denn her? fragte eine alte Zeitzeugin eine jüngere Teilnehmerin, die gerade die Treppe hochgestapft kam. So viel Interesse, so viel Empathie mit fremden Menschen, ja, diese Werkstatt macht aus Fremden Vertraute, dachte die Teilnehmerin und lächelte die alte Frau an. Wissen Sie, antwortete sie, das ist bei mir ein bißchen verworren, meine Eltern stammen beide aus Schlesien und kamen nach 1945 ins Ruhrgebiet, wo ich auch geboren bin, aber, stellen Sie sich vor, dort habe ich mich nie wohlgefühlt, nie beheimatet, nie recht zu Hause, deswegen bin ich sehr früh nach Berlin gegangen und wohne jetzt im Umland, wo sich langsam, aber wirklich sehr langsam ein Vertrautheitsgefühl einstellt, doch, Berlin ist eine gute Stadt für Heimatlose, ein Schmelztiegel für Nicht-Angestammte, da kann auch jemand aus der zweiten Generation der Vertriebenen Wurzeln schlagen, oder sagen wir besser Würzelchen, denn so richtig fest und stark sind sie ja noch nicht. Die jüngere Teilnehmerin hatte sich in einen Rausch hineingeredet. Endlich interessierte sich jemand für das Drama der Herkunft, der verschiedenen Herkünfte, der Unbehaustheit, der transzendentalen Obdachlosigkeit. Sie merkte es gar nicht, daß die alte Frau den Kopf schräg gelegt hatte und verwundert auf die Rede hörte. Von Satz zu Satz wurde sie verwunderter. Sie wollte einhaken, aber sie kam nicht dazwischen. Sie wartete auf eine kleine Pause und sprach dann selber. Nein, sagte sie, das alles habe sie gar nicht gemeint, sie habe nur wissen wollen, wo die andere jetzt gerade hergekommen sei, jetzt gerade im Moment, wissen Sie, Sie riechen so gut nach Rauch, richtig verlockend, und da hatte ich Sie nur fragen wollen, wo man hier rauchen kann.

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