Stop and go

Von Roswitha Schieb

Dieser kürzlich entstandene Text bezieht sich auf ganz aktuelle Traumatisierungen. Es geht um einen mutmaßlichen Flüchtling in Berlin, dessen Traumata bei den kleinsten Unregelmäßigkeiten im Alltag sichtbar werden können. Und es geht um die Erkenntnis, wie präsent die frischen Traumatisierungen durch neue Kriege in anderen Regionen der Welt bei uns sein können.

Stop and go

Für die lange U-Bahnfahrt hatte ich mir ein Buch mitgenommen. Die unterirdischen Passagen nur mit Blick auf die Gesichter der Mitreisenden, die sich alle auf ihre Smartphones senkten, oder auf den öffentlichen Bildschirm mit Sportnachrichten waren zu eintönig. Zunächst  ging es gut, Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik rauschte vorbei, voll war sie nicht, die Bahn, Rathaus Reinickendorf, umsteigen Osloer Straße. Die nächste U-Bahn war etwas besser besetzt, aber ich hatte dennoch einen Vierersitz für mich. Im Viererabteil nebenan saß ein junger Mann, der erst großmäulig in sein Handy sprach, so laut, dass ich nicht zur Konzentration des Lesens zurückfand. Ich ärgerte mich, weil ich immer wieder, ohne es zu wollen, zu ihm hinschaute, wie er da breitbeinig zwei Sitze gleichzeitig belegte und mit einer derart selbstgefälligen Miene telefonierte, dass ich mich gegen eine leichte Wut, die in mir hochkroch, zur Wehr setzen musste. Da stoppte die U-Bahn zwischen Turmstraße und Hansaplatz mit einem Mal so abrupt, dass fast alle Fahrgäste nach vorne kippten. Vollbremsung, Personenschaden oder Notarzt im Gleis, wie es dann immer hieß, schossen mir sofort alle möglichen Gründe durch den Kopf, das kann dauern, während ich bemerkte, dass der junge Mann nebenan sein Selbstbewußtsein eingebüßt zu haben schien: er hatte das Handy weggelegt und saß still und zusammengesunken da. Als die Bahn unvermutet heftig wieder anruckte – also keine Person im Gleis – , zuckte er zusammen, versuchte sich zu ordnen und nach dem Handy zu greifen, doch da stockte die Bahn wieder, so dass alle fast nach vorne fielen, und wieder fuhr sie an im schwarzen Tunnel, an Lesen gar nicht zu denken, an nichts war richtig zu denken, denn immerfort stoppte die U-Bahn so abrupt, als würde unablässig jemand die Notbremse ziehen, und immerfort ruckte sie wieder an und fuhr ein paar Meter Richtung Hansaplatz, und nun begannen alle Fahrgäste sich doch umzusehen im Waggon, einige lachten und versuchten die Spannung wegzualbern, einige schauten reglos vor sich hin, nur der junge Mann neben mir war völlig verändert, sein Handy bedeutungslos geworden, seine Großmäuligkeit verschwunden, er selbst in eine Ecke gerutscht und eher blass geworden im Gesicht, die schwarzen Haare hingen wirr in der Stirn, und während er mir hilfesuchende Blicke zuwarf, presste er seine Hand fest an sein Herz, als müsse er es festhalten, und noch fester beim nächsten Stoppen und Anrucken, und beim übernächsten scharfen Abbremsen und Anfahren wurden seine Augen ganz dunkel und starr und konnten gar nicht mehr reagieren auf meinen aufmunternden Blick und mein vages Achselzucken, das ihn in Sicherheit wiegen sollte, immer fester presste er jetzt seine beiden Hände aufs Herz, als die U-Bahn weiterruckelte und weiterstoppte und weiterruckelte, weiterstockte und -stotterte, bis sie endlich im grauen U-Bahnhof Hansaplatz einfuhr, besser: einschlich, wo der junge Mann sofort aufsprang, die Tür des Waggons aufriss mit einer Hand, die er dafür kurz von seinem Herzen nehmen musste und den Wagen verließ zugunsten des rettenden Bahnsteigs, obwohl er sicher nicht am Hansaplatz hatte aussteigen wollen, wo kaum jemand aus- und zustieg, sondern weitergemusst hätte ins Zentrum. Aber nicht mit dieser Bahn, hatte er sich wahrscheinlich geschworen, und mir schien es, als sei durch das scharfe Gebremse und Geruckel und Geschüttel in ihm, der wahrscheinlich ein Flüchtling war, aus Syrien vielleicht, etwas zerbrochen, etwas aufgebrochen, etwas hochgekommen, etwas Schreckliches, das er hatte erleben müssen und das er bislang durch sein Selbstbewußtsein, sein Ego hatte in Schach halten können, aber nun, in dieser stockenden U-Bahn, war sein Körpergedächtnis plötzlich wachgeworden, das schlimme Erinnerungen auslöste, Greuel und Verwerfungen, Explosionen und Todesangst, mühsam übertüncht von Großmäuligkeit, die in einer holprigen U-Bahn zu Pulver zerstob, keine Breitbeinigkeit konnte da mehr helfen, kein Handy, alles wirkte stärker, was in ihm war, in ihm lauerte, und sein Herz klopfte wie ein kleiner aufgeregter Vogel, oder es summte verzweifelt in ihm wie eine Fliege, die mutwillige Kinder in einem hohlen Puppenkopf eingesperrt und diesen dann vergraben hatten – niemand würde unter der Oberfläche ahnen, was hier für ein Kampf um Leben und Tod stattfand, und niemand hätte es bei diesem glatten gutangezogenen jungen Mann vielleicht aus Syrien geahnt, was in ihm unter der Oberfläche brodelte, wenn er nicht sein Herz festgehalten hätte, das nicht mehr zu bändigen war, wie es ihm schien, dass ihm sonst fast durch die Rippen nach draußen gesprungen wäre, um von allen Schrecknissen, vom Kampf um Leben und Tod zu künden, weil es noch schlug, weil es noch nicht begraben war. 

Advertisements