Wandbehang

Von Roswitha Schieb

In diesem eher literarischen Text, der persönliche Züge trägt, geht es um die Hinterlassenschaft der Generation der Vertriebenen und um den Versuch der nachfolgenden Generation, die Erlebnisgeneration und damit auch sich selbst besser zu verstehen.

Wandbehang

Ich hatte mir immer vorgestellt, sie hätten nur das Nötigste mit auf die Flucht genommen, nur das Nötigste, als sie eine Stunde Zeit zum Packen zugemessen bekamen im schlesischen Dorf, 1946, und dann zur Bahn mussten, wochenlang mit dem Güterzug unterwegs und schließlich aussteigen im Emsland, wo die Bauern wie auf dem Sklavenmarkt die Qualität der preiswerten Arbeitskräfte prüften, dieser Habenichtse, die mit kaum mehr aufwarten konnten als mit ihren Zähnen, ihren Muskeln, ihrem Alter und ihrer Gesundheit. Ich war immer davon überzeugt gewesen, sie hätten nur ihre Federbetten, ein paar letzte Wertsachen, einige Fotos und Proviant mitgenommen auf die lange, unfreiwillige Reise nach Westen. Umso erstaunter war ich, dass, als eine der Protagonistinnen von damals, meine Tante, in hohem Alter starb, sie meiner Mutter einen Wandbehang hinterließ, der noch aus dem schlesischen Dorf stammte und der offensichtlich damals mit auf die Reise gegangen war. Er wirkte ganz und gar unnütz, in seiner Größe und mit einem biederen Spruch und einem kitschigen Häuschen bestickt, so, wie die Wandbehänge, die um 1900 gerne in Küchen aufgehängt wurden, über den Herd, über dem Spülstein, über einer Kommode, auf denen dann gestickt zu lesen stand „Eigener Herd ist Goldes wert“ oder „Morgenstund hat Gold im Mund“. Auf diesem hier war auf hellem, graublauen Grund in geschweifter roter Frakturschrift „Glück, Fröhlichkeit und Herzensfrieden sei allzeit diesem Haus beschieden“ zu lesen, und in der Mitte war ein Häuschen zu sehen, auf das ein Weg zuführte, gersäumt von blühenden oder fruchttragenden Obstbäumen, und das Häuschen zeichnete sich vor allem durch eine lächerlich falsche Perspektive aus, denn das Dach zeigte perspektivisch nach rechts, die Schatten in der Tür- und in den Fensterleibungen aber nach links, was natürlich nicht bewußt, sondern aus Unvermögen so ins Bild gestickt worden war, dachte ich hochmütig, und das ganze Häuschen- und Wegebild wurde noch von ein paar schlichten Vögeln, Blümchen, Büschen und schütteren Ranken umrahmt, die alles vollends in den Kitsch zogen. Und mit so etwas habt ihr euer Fluchtgepäck belastet, fragte ich meine Mutter. Ja, antwortete meine Mutter, die den Wandbehang mittlerweile im Keller ihres auch nicht mehr ganz neuen Hauses aufgehängt hatte. Mit so einem Kitsch? hakte ich nach. Mag sein, dass es kitschig ist, aber wir haben es mitgenommen als Andenken an unsere Lieblingsschwester, die kurz vorher noch im Dorf gestorben war an Typhus, dieser tückischen Krankheit, die mich ja auch heimgesucht hatte, so krank war ich, dass ich mir schon meinen Sterbetag, mein Todesdatum ausgerechnet hatte, doch wie durch ein Wunder wurde ich wieder gesund, während sie starb, schwer schwer starb sie, weil sie doch noch ein so junges Herz hatte, und nicht mal ein Grab mehr war von ihr übrig, als wir die Ausweisung erhielten, bei ihrem Begräbnis war der deutsche Pfarrer vom offenen Grab weg verhaftet worden, das schließlich zusammen mit allen anderen deutschen Gräbern eingeebnet wurde, so war das damals im Wilden Westen, bloß ein einziges Foto hatten wir von ihr und eben diesen Wandbehang, den sie in wochen- und monatelanger Arbeit gestickt hatte, vielleicht hatte sie beim Sticken an ihre Zukunft gedacht, dass sie diesen Wandbehang später mit in ihr neues Haus nehmen würde, um ihre Küche zu schmücken, wenn sie denn einmal heiraten würde, hübsch genug und klug und musikalisch war sie ja, die jetzt schon lange unter dem grünen Gras neben der Kirche ruht, und meinem Elternhaus war nicht „Glück, Fröhlichkeit und Herzensfrieden“ „allzeit“ „beschieden“, sondern es wurde dann, als wir längst weg waren, in eine Schweinemästerei umgewandelt, das Haus stand leer, Futtermittel lagerten dort, und so steht es heute noch da, mit leeren Fensterhöhlen, durch die der Wind pfeift und ganz und gar unbewohnt. Ich schwieg eine Weile. Schließlich bat ich darum, den Wandbehang mitnehmen zu dürfen, um ihm ein Schattendasein in ihrem Keller zu ersparen und ihn in mein Gästezimmer zu hängen, etwas prominenter, zur Verwunderung aller Gäste, und wer es ernsthaft wissen wollte, dem erklärte ich dann den Kitsch weg, dass es ihm wie Schuppen von den Augen fiel, vor allem die falsche Perspektive, das Dach in die eine und Tür und Fenster in die andere Richtung, so, als würde das Haus auseinanderstreben, die Türen und Fenster offen bis heute auf schwankendem Boden, alle Bewohner in verschiedene Himmelsrichtungen davon, vier über tausend Kilometer Richtung Westen, einer über tausend Kilometer Richtung Osten und ohne Grab, zwei ein paar Dutzend Meter Richtung Norden auf den nicht mehr existierenden Kirchhof, und meine Mutter die einzige, die noch lebt von allen und auch ohne Wandbehang mit all der Fröhlichkeit, dem Glück und dem Herzensfrieden in sich noch im höchsten Alter, nie angefochten von Unglück, von Melancholie, von Zerrissenheit, die ich vielleicht besser kenne, und daher hängt der Wandbehang sehr gut da aus apotropäischen Gründen, zur Abwehr böser Geister, die sich sicher in der trickreichen falschen Perspektive verlaufen, verirren, verheddern, um sich dann schließlich ganz und gar in Luft aufzulösen. 

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