Krakau im Winterschlaf (1)

Von Uta Herrmann

Aus meinem deutsch-polnischen Tagebuch

Februar 2017. Warum nur kommst du im Februar? Da hält Krakau noch seinen Winterschlaf. Das will ich erleben. Die Planty sollen zu jeder Jahreszeit anders sein. Und wie sehen sie im Winter aus? Mein Reiseführer verrät das nicht. Planty im Frühling, ja das habe ich 2002 erlebt. Vor mehr als zwei Jahren dann im Spätsommer und Frühherbst. Ich bin sie begangen – sooft es ging. Ich habe die Besucher oder besser Spaziergänger und auch die Krakauer und Touristen beobachtet und fotografiert. Ich habe die Planty erlebt, gerochen – aufgenommen mit all meinen Sinnen. Aber eben noch nicht im Winter. Und wie sieht es mit Adam Mickiewicz auf dem Hauptmarkt aus ? Ist er auch im Winter ein Anziehungs- und Treffpunkt? Ich will es sehen.

Anfang Februar wurden gerade auf dem Markt von Podgorze (Rynek Podgorski) von der riesigen Tanne die letzten Weihnachtskugeln abgenommen. In der Altstadt und vor einigen Kirchen stehen die geschmückten Weihnachtsbäumchen immer noch. Der wenige Schnee wird zu Matsch, hier in Podgorze hält er sich länger und wird zu Eis. Es ist wahrhaftig eine Art Winterschlaf. Die geführten Touristengruppen lassen sich täglich an einer Hand abzählen. Zwar ist die Altstadt auch an einem sehr feuchten nebligen Sonnabend Nachmittag gut gefüllt, ebenso einige Restaurants doch die ganz noblen sind leer. Auf dem Rynek Glowny, wo im Frühjahr und Spätsommer die Freiluftrestaurants – eins neben dem anderen- besetzt sind, sitzen nun die Gäste in durchsichtigen Foliengehäusen, die mit Heizstrahlern ausgestattet sind. Aber sie haben ihre Gäste. Die Pferdekutschen dagegen müssen um sie schreien. Dabei sehen sie viel prächtiger aus als zu Hochbetriebszeiten. Oder bilde ich mir das nur ein? Und Adam Mickiewicz? Er steht einsam. Keiner wartet auf jemanden zu seinem Fuße. Wenige Blumenstände und ein zwei mobile Verkaufsbuden für die Touristen. Da hängt er wieder überall der smok wawelski – groß, klein und mittel. Oder die kugeligen Ketten aus dem schönen bedruckten Krakauer Stoff, wie auch die kleinen Taschen. Mein Souvenirladen neben dem historischen Museum gibt es immer noch. Die Eisläden – lody- sind zu oder verkaufen gleich heiße Schokolade.

Und die Planty? Heute haben sie auf mich keinen einladenden Eindruck gemacht. Es war einfach zu dunkel, grau, nebelig. Nein, ich bin schnell wieder abgebogen und ein Stück des Königswegs die Grodzka gegangen. Am Wawel vorbei – auch das Schloss liegt im Nebel – die Stradomska, dann Krakowska bis zum Platz Wolnica, wo auch das Ethnografische Museum ist, dann die Mostowa entlang und natürlich über die Wisla auf der Fußgängerbrücke. Nun bin ich in Podgorze – eben da, wo Krakau noch nicht endet.

Begegnung (3)

von Uta Herrmann

Lebendige Brücke zwischen Krakow und Berlin

Wie schon am 3. Februar angekündigt, treffen sich an diesem kalten Dienstagabend Frauen in den Räumen von eFKa in der ul. Krakowska 19, um sich gemeinsam mit mir den Film anzusehen, den ich speziell für sie, für die Krakauerinnen mitgebracht habe. Während in Berlin in diesen Tagen die 67. Internationalen Filmfestspiele – die Berlinale- eröffnet wird genießen wir hier in Krakow unser ganz persönliches Filmerlebnis. Wir erwärmen uns an und mit Tee und Kaffee und feiern unsere eigene kleine „Krakonale“. Wie so häufig gibt es auch hier zunächst Schwierigkeiten mit der Technik. Während die Probleme gelöst werden, erzähle ich auf russisch einiges über den Film. Unter anderen, dass es in diesem Film viele reale Aufnahmen gibt, – der Film wollte so viel Realität zeigen wie möglich und nicht, wie sich die Dramaturgie das Leben vorstellt. Da der Film in Krakau spielt, ist es ein besonderes Vergnügen ihn hier zu sehen.

Vor 43 Jahren – auch im Februar – wurde der Film Die Schlüssel (Klucze) im Kino International uraufgeführt. Die Frauen sind gespannt, was da kommt und wollen die volle Länge sehen. Sie reden laut durcheinander und ich denke schon, na das war wohl nichts….. aber sie reden über das, was sie sehen. Und plötzlich schreit eine der Frauen, Roma, auf, sie hat einen Nachbarn in der kirchlichen Prozession erkannt. Man redet über die Mode, wie Ceslaw Niemen aussah und sang. Über die junge Schauspielerin, die dann sehr berühmt wurde. Irgendetwas stimmt mit dem Bild nicht, bis auffällt, dass das Kaufhaus Jubilat fehlt. Es wurde erst zwei Jahre später gebaut. Am Ende sind alle hocherfreut, diesen Film gesehen zu haben, empfinden es als ein Geschenk. Und ich fand das gemeinsame Sehen des Films in der Krakauer Frauengemeinde als Geschenk. Unsere kleine Krakonale geht zu Ende. Die „Langsamkeit „ des Films kam an, besonders in diesem Kreis. Aber nicht nur dort. Wir sahen den Film ja auch in einer kleinen Gruppe in Berlin. Doch was für ein Unterschied in den Temperamenten seiner Zuschauerinnen!! In der Karl-Marx-Allee saßen an einem Sommernachmittag wir – zwei Pollinnen Joanna und Joanna, die schon mehr als 30 Jahre in Deutschland leben, Barbara (in der BRD sozialisiert) und ich (in de DDR aufgewachsen) voller Spannung, konzentriert, ruhig um auch ja nichts zu verpassen, vor dem Fernseher. Und hier in der Krakowska 19? Ehrlich gesagt, war ich schockiert, bis mich Slawka aufklärte. Sie sprechen über den Film, auch wenn sie dabei so laut sind, dass sie auch die Szenen in polnischer Sprache übertönen. Die Versöhnung kam am Ende mit ihrem Dank.

Hier noch etwas Hintergrund zum Film Klucze Die Schlüssel

aus dem Jahr 1973, Uraufführung war am 21. Februar 1974, also vor 43 Jahren im Kino International in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte, Ostteil . Es ist eine Produktion der DDR, DEFA-Produktion mit ausgezeichneten Schauspielern wie Jaecki Schwarz und Jutta Hoffmann, Regisseur Egon Günther ebenfalls sehr bekannt. Die Aufnahmen in Krakau entstanden mit Unterstützung der Filmgruppe „Illusjon“ aus Warschau. Er lief damals nur kurz im Kino. Es gab Einwände vom Kulturministerium der DDR aber – und das vor allem – von der Polnischen Botschaft in der DDR. Danach wurde der Film gekürzt, aber auch dann nur kurze Zeit gezeigt. Auch Verkäufe ins Ausland und Verträge mit der BRD und CSSR mussten storniert werden. Der Film verschwand nach einiger Zeit irgendwo im Archiv.

Damals war ich 18 Jahre alt. Obwohl ich mich für Filme vor allem auch Gegenwartsfilme (DDR-Produktionen, Osteuropa, Sowjetunion) interessierte, habe ich davon nichts mitbekommen. Als der Film 1993 nach der Wende erstmals im TV gezeigt wurde – ARD 3Sat, lebte ich nicht in Deutschland, war als Korrespondentin von 1988 bis 1998 in Moskau tätig. Ich erzähle das so ausführlich, weil ich erklären möchte, warum ich diesen Film mit nach Krakau gebracht habe und ihn für unsere gemeinsame Arbeit für den Austausch für gut erachte.

Mich fragte, nachdem ich hier 2014 in der Stadt Krakau war, nämlich eine Berliner Polin aus unserer Gruppe Joanna Lesnik – sie kommt aus Krakow, ob ich den Film „Die Schlüssel“ mit Jutta Hoffmann kenne. Nein,war meine Antwort. Aber meine Neugier war geweckt. Es stellte sich heraus, dass es auch heute schwer ist, diesen Film auf DVD zu bekommen. Erst etwa vor einem Jahr, im März 2016 – da wurde zum 75. Geburtstag der Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann eine Sonderedition mit vier Filmen herausgegeben – und zum Glück war er darunter. Diese Edition bekam ich zum 8. März vor einem Jahr überreicht – und war glücklich.

In der Gruppe Töchter von Kriegseltern/Kriegsenkel fand der Film auch Interesse und eine kleine Gruppe kam zusammen, und wir sahen ihn an einem warmen Julinachmittag bei mir in der Wohnung an. Und auch das war ein Erlebnis: zwei Polinnen Joanna Jordan und Joanna Lesnik (die den Film schon in den 90ziger gesehen hatte), Barbara eine in Westdeutschland/Westberlin aufgewachsene Frau, und ich , in Ostberlin, der DDR sozialisiert. Joanna J. ist 6 Jahre jünger als Joanna L. und ich (wir sind beide Jahrgang 1955). Das spielt insofern eine Rolle, weil 6 Jahre Altersunterschied in diesem Zeitraum von Bedeutung ist. Einiges war auch der jüngeren Polin unbekannt. Für Barbara war alles Neuland – die Musik von Czeslaw Niemen kannte sie überhaupt nicht – in der DDR war er ein sehr bekannter Musiker. Auch bestimmte Inhalte des Films (Arbeiterin, stolz auf ihre Arbeit und möchte da eigentlich nicht weg, möchte nur die entsprechende Anerkennung erhalten, auch von ihrem studentischen Freund) – das glaubte sie nun gar nicht. Hier meine ich den Monolog in der Tram – da fehlten ihr doch das „sozialistische Hinterland“ (sage ich jetzt mal so und hoffe, ihr nicht Unrecht zu tun) – es war ehrlich gemeint, denke ich. Trotz unserer unterschiedlichen Sichtweisen auf den Film – gefallen hat er allen und es war gut ihn gemeinsam als Deutsche und Polen anzusehen. Auch weil er in unserer Gruppe gezeigt wurde, wollte ich ihn mit nach Krakau nehmen – eine Berliner Aktivität nach Krakow mit im Koffer.

Der Film endet tragisch – mit dem Tod der jungen Frau bei einem Unfall mit der Tram hier auf der Krakowska. Sehr berührend für mich die Szene ohne Worte auf dem Bahnhof, wo der Güterwagen mit dem Sarg sehr umständlich beschriftet wird und zum Schluss noch mit dem großen Kreuz aus Kreide versehen wird– lange malt der Bahnangestellte daran. Eine junge Deutsche Frau wird auf diese Weise aus Polen zurück nach Deutschland, in die DDR gebracht. Assoziationen bleiben da nicht aus – Züge, Güterwaggons mit Menschen vor damals nicht einmal etwa 30 Jahren. Nur eben umgekehrt. Eine deutsche Tote für tausende Polen? Diese Frage stellt sich.

Immer wieder gibt es im Film kleine Hinweise, ohne große Wort z.B. die Nummer am Arm eines Polen beim Mittagessen. Das Thema 2. Weltkrieg kommt immer wieder vor. Und dann die ausgelassenen Studenten, die die Deutschen einfach mit aufnehmen…..Das neue Verhältnis von Deutschen und Polen in der neuen Generation wird deutlich.

So sollte es sein, so habe ich es damals empfunden, so bin ich aufgewachsen – nicht nur in der Schule. Auch zu Hause wurde ich im Sinne des Humanismus, gegen Feindschaft anderen Völkern gegenüber erzogen – Literatur, Musik, Sprachen spielten in meiner Erziehung eine wichtige Rolle. Ich selbst begann als etwa 13 jähriges Mädchen Brieffreundschaften zu Gleichaltrigen in in den sozialistischen Ländern zu schließen. Später kamen bei Reisen die persönlichen Begegnungen dazu, darunter auch zu Polinnen.

Einige Szenen im Film waren so nicht geplant. Der Arbeiter z.B. im Tram-Depot- er war nicht vorgesehen, doch der Regisseur lies es laufen. Auch für die DEFA war das ein Ausnahme-Film. Er sollte die Realität zeigen und keine Dramaturgie des Lebens sein. Das scheint mir auch so.

Heute nun mit über 60 Jahren, zu Beginn des ersten Programms von Grundtvig noch 50 plus, bin ich froh über die Gelegenheit, die persönlichen Begegnungen weiter zu praktizieren. Das Erasmus + Programm ist eine Fortführung und regt zum lebenslangen Lernen an, gibt Impulse. Im Alltag von Frauen, die auf der einen Seite für die Pflege der eigenen Mütter/Väter da sind, und auf der anderen Seite als Oma auch für die Enkel sorgen– was wiederum die eigenen Kinder entlastet, ist das nicht so einfach. Dann ist man noch Ehefrau und ganz zum Schluss auch noch ein Mensch, eine Frau mit eigenen Bedürfnissen und Zielen. Da braucht es schon manchmal Impulse, wie zum Beispiel die EU-geförderten Programme. Wäre ich sonst hier? Ich glaube nicht. Anregungen von außen sind gut, von uns werden sie mit Leben gefüllt und ich denke, diese Begegnungen werden etwas Bleibendes haben. Deutsche und polnische Frauen müssen als Nachbarinnen zusammenhalten, sich verständigen, austauschen – egal was in der Politik passiert. Auch das lehrt die Geschichte unserer beider Länder. Zufällig ist heute Angela Merkel zu Gesprächen auch mit Beata Szydlo nach Warschau gereist. Aber das spricht hier keine der Frauen an, weil es für unserer gegenseitiges Verständnis keine Bedeutung hat.

Begegnung (2)

Von Uta Herrmann

Lebendig Brücke zwischen Krakow und Berlin

Am 6. Februar 2017 wird im Klub der Journalisten ein Buch vorgestellt: So war …Sibirien. Es ist der 16. Band einer ganzen Reihe und einer der vier Autoren ist Leopold Walczewski, der Vater von Slawomira Walczewska – eine der Vorsitzenden der Frauenstiftung eFKa. Der Saal „Pod gruszka“ (Unter der Birne) ist schon gut gefüllt als ich 30 Minuten vor Beginn dort eintreffe. Das Interesse an dieser Thematik ist groß – vor allem bei älteren Krakauern. Zum Veranstaltungsbeginn schätze ich 80 bis 100 Besucher. Jadwiga Jaminska und ich erworben je ein Exemplar des Buches, schnell war es vergriffen an diesem Abend.  Der Autor Walczewski signiert mir später das Bändchen – mit einer russischen Widmung.

Auch wenn das keine klassische Begegnung zwischen eFKa und S.U.S.I. ist, ist es doch eine Veranstaltung, die auch in unser Profil passt – Vertreibung, Deportation und daher nehme ich sie in meine Begegnungen mit auf. Die Tochter von Leopold Walczewski spricht dann noch von den Auswirkungen auf die nächste Generation – auf sie und ihren Bruder. Wir sitzen beim Tee und ich erfahre, dass Leopold 7 Jahre alt war, als die Familie nach Kargowina in den Oblast Archangelsk deportierte wird. Sein jüngster dort geborene Bruder Michal wird nur wenige Tage alt. Auch seine Mutter verliert der Junge. Später wird die Familie in die Ukraine umgesiedelt. Hier besuchte er die Schule bis sie alle irgendwann wieder nach Polen kamen. Auch wenn Leopold Walczewski die Sprache seiner ersten Schuljahre noch beherrscht – in der Sowjetunion, Russland oder Ukraine war er nie wieder. Erst sein Enkel unternimmt Reise in diese Gegend.

Begegnung (1)

von Uta Herrmann

Lebendige Brücke zwischen Krakow und Berlin

Gerade in Krakow eingetroffen, fand die erste Veranstaltung schon wenige Stunden später am nächsten Tag um 16 Uhr statt. Das war einer der langsamen Freitage, um die Woche ruhig ausklingen zu lassen. Dabei habe ich Frauen wieder getroffen, die schon 2014 mit mir einiges unternommen haben, so Jagoda. Ganz herzlich haben wir uns begrüßt. Oder Alina, die viele Projekte in der Ukraine koordiniert. Und Katarzyna zähle ich in diesem Fall nicht, da wir uns die gesamte Zeit nahe gewesen sind, wenn auch nicht im örtlichen Sinne. Mein Part war heute nun, über meine Erfahrungen mit den EU-geförderten Projekten zu berichten, wie sie mich persönlich beeinflusst haben, was geblieben ist, wie viel Polen in Berlin in mir ist usw. Für eFKa hatte ich dafür als Geschenk ein Fotokalender für 2017 in Eigenproduktion hergestellt. Begegnungen bei S.U.S.I., Treffen bei eFKa wechseln sich dabei ab. Diesen Kalender kann sich eFKa ins Büro hängen und es bleibt für das gesamte Jahr etwas. Anhand dieser Fotos habe ich von dem ersten Austauschprojekt berichtet. Ein zweiter Punkt war meine Power-Point Dokumentation über meinen Aufenthalt 2014 in Krakow und zu meiner Biografie. Bei eFKa habe ich mich kürzer gefasst, auch weil die Präsentation nur am Laptop nicht sehr optimal war. Ergänzt habe ich alles mit Veranstaltungen (z.B. die Filmdokumentation Kriegsenkelinnen, die wir in verschiedenen Frauen-Einrichtungen gezeigt haben) oder unsere deutsch-polnischen Treffen in der Pierogarnia, Einkäufe in polnischen Läden in Berlin, die Fahrt mit meinem Mann zu Kasia nach Belgien, Brüssel im März 2015. Leider war sie da nicht da, aber wir waren bei ihrem Mann Marek. Auch das natürlich eine Auswirkung des Austausches. Die Gruppe Töchter von Kriegseltern ist ja auch in Berlin eine deutsch-polnische Frauengruppe. Auch das ist für mich Austausch und gehört unbedingt dazu. So natürlich auch unsere herrliche Fahrt im Sommer 2015 nach Stettin und unsere Treffen – wo immer gesungen wurde – bei S.U.S.I. – deutsch und polnisch natürlich.

Ich sprach auch über meine Eindrücke von 2014 in Auschwitz. Und daran schloss sich eine Diskussion an. Für Engländer und auch Amerikaner ist Auschwitz ein KZ in Polen (also ein polnisches KZ, von der deutschen Besetzung wissen sie nichts – diese heutige Generation jedenfalls nicht). Das wird hier gerade stark thematisiert und die Polen sind zu recht empört. Auch ich erzählte, dass in Deutschland bei nachfolgenden Generationen viel Unwissen über diese Ereignisse herrscht. Gerade dieser Tage feiert ein guter bekannter seinen 90. Geburtstag. Er, Kurt Gutmann, überlebte den Holocaust dank der Kindertransporte 1939 nach England. Sein älterer Bruder und seine Mutter kamen nach Auschwitz und er sah sie nie wieder. In »Das Vermächtnis« spricht er darüber als Zeitzeuge. Dieses Programm enthält Erzählungen von Überlebenden, welche vom »USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education« in Los Angeles gesammelt wurden. Die von Steven Spielberg 1994 begründete Stiftung trug insgesamt ca. 52.000 Interviews zusammen, die in 36 Sprachen in 56 Ländern aufgenommen wurden. Wir, die Nachkriegsgeneration, sind die Zeugen der Zeitzeugen. Wir kennen noch Betroffene, Verfolgte. An uns liegt es, ihre Geschichte, ihre Erzählungen aufzuschreiben, aufzuheben und nicht zu schweigen. So wie wir das Video – Interview von Kurt aufheben und weitergeben werden. Auch an unseren Kindern liegt es, es wiederum ihren Kindern weiterzugeben. Denn sie werden kaum noch ehemalige KZ-Häftlinge kennen lernen können. Sie sind jetzt schon um die 90 Jahre alt, die die überhaupt noch leben.

Der Blog, auf dem wir alle berichten, ist schon etwas. Öffentlichkeitsarbeit, Austausch über Ländergrenzen hinweg, Nützlichkeit der Projekte der EU mit unseren Nachbarn nachweisen usw. So verstehe ich das. Der langsame Freitag ging bis 19 Uhr, dann gingen wir 6 Frauen auseinander. Es gab Beifall und die Bitte um eine Fortsetzung.

Die wurde dann für den Dienstag angekündigt. Kurz habe dazu schon heute etwas erzählt. Ich möchte Teile des Films „Die Schlüssel“ Klucze zeigen. Er spielt in Krakow Anfang 70 er Jahre. Erzählt habe ich wie ich auf den Film gekommen bin und die erste Besichtigung mit 2 Polinnen aus unserer Gruppe und Barbara als Westdeutsche und ich als Ostdeutsche – unterschiedliche Reaktionen. Dazu dann zur Veranstaltung mehr. Auch die wird wieder bei eFKa sein. Kasia hat noch angeregt, darüber ein Essay zu schreiben – hatte ich ja alles vor. Nun könnte es wahr werden. Denn auch das blieb heute nicht aus – ich erzählte vom Tod meiner Mutter vor gerade mal 2 Monaten. Denn sie war auch auf einem Foto in meiner Dokumentation, da ich mit zwei meiner damals noch drei Schwestern hier in Krakow ihren 70. Geburtstag feierten. Diese Reise hatte sie sich gewünscht….. Und es war eine wundervolle Fahrt mit dem Zug nachts von Lichtenberg, am Morgen ankommen am Hauptbahnhof von Krakow und dann ins Hotel Floryan.

 

In meinen Äußerungen erwähnte ich die Methode der Biografischen Interviews (narratives Erzählen), die in der sozialen Arbeit und eben auch in der Aufarbeitung von Geschichte sehr viel Aufschluss bieten, wenn sie professionell angewandt und ausgewertet bzw. aufbereitet werden. Das könnte ich mir auch als ein Ergebnis des Projektes vorstellen: gemeinsam eine Publikation zu erarbeiten mit Gesprächen, Zeugen der Geschichte oder von den Nachfahren (wir) erzählt. Erzählen und dabei unweigerlich über die eigene biografische Situation stärker Nachdenken, hat auch therapeutische Funktion und die Erkenntnisse können der nachfolgenden Generation helfen.

Die nicht vergangene Vergangenheit

von Annette Trost

Meine Ankunft in Krakau

Gerade für meinen zweimonatigen Erasmus-Aufenthalt in Krakau angekommen hat mich das Thema „Zweite Generation“ schon gleich  auf dem Bahnhof „erwischt“. Der Taxifahrer, dem  meine Nationalität nicht entgangen war, fragte mich, als er mir beim Einladen des nicht gerade leichten Gepäcks half, ob ich denn Steine eingepackt hätte. Aus dem Rhein oder vielleicht aus der Oder? Auf den Scherz eingehend antwortete ich: “Nein, aus der Spree“ – „Aus Berlin kommen Sie also?“- fragte der Taxifahrer. „Wieso sind Sie denn so weiß?“ Nur langsam habe ich den Witz kapiert. Auf diese Weise hat er offensichtlich versucht, über die deutsche Flüchtlingspolitik zu scherzen. „In Berlin wird es wohl bald mehr dunkelhäutige als weiße  Menschen geben …“   Der Witz war zwar eher nur mittelmäßig, aber darüber entwickelte sich ein interessantes Gespräch über Flüchtlinge. Meine geäußerten Gedanken dazu, wie wichtig und menschlich es ist, den Menschen in ihrer Notsituation zu helfen und wie diese Menschen auch unser Leben bereichern können, kurz – wie „Multi-Kulti“ unser Leben positiv verändern kann, haben den Taxifahrer zunächst zum Schweigen gebracht. Ich dachte dabei an die weit verbreiteten Vorbehalte und Ängste in Polen gegenüber Flüchtlingen und vermutete, dass damit das Gespräch wohl beendet sein würde.

Zu meiner Überraschung griff der Taxifahrer das Thema von einer ganz anderen Seite wieder auf. Er berichtete, dass seine Mutter am Ende des Krieges aus Lemberg vertrieben wurde und sie ihm häufig darüber erzählt hat. Über diese schöne Stadt in der Polen, Ukrainer, Österreicher, Juden und Armenier friedlich zusammen gelebt haben. Man spürte sehr deutlich die Wehmut, die mitschwang, die sich offensichtlich von seiner Mutter auf ihn übertragen hatte.

Die Fahrt war zu Ende. Ich bin ausgestiegen und war sicher, dass nach so einem Anfang mein Erasmus-Aufenthalt in Krakau zum Thema „Kriegsenkelinnnen“ sehr fruchtbar sein wird.

 

Ein weiterer blinder Fleck im kollektiven Gedächtnis

von Barbara Stellbrink-Kesy

 Die Morde an Kranken und behinderten Menschen in Polen und Deutschland.

Krakau, am 8. 9. 2016

Liebe Gäste, liebe Frauen von eFKa! Dobry wiecór!

Naziwamce Barbara Stellbrink-Kesy, yestem Niemcy, miescac w’Berlinie. Ale teraz miescam Krakowie. Vielleicht haben Sie sich in der Einladung über die Zutaten dieses Abends gewundert? Die Eröffnung einer Ausstellung mit Frauenportraits in den Räumen von eFKa einerseits – und das Schicksal einer Psychiatriepatientin andererseits. Wie passt das alles zusammen? Die Portraits, die sie hier sehen, sind während des Austausches zwischen ‚Kriegsenkelinnen‘ aus Krakau und ‚Töchtern von Kriegseltern‘ in Berlin entstanden.

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Uta:

Sich mit anderen Biografien zu befassen, heißt auch immer die eigene Lebensgeschichte zu hinterfragen.“

Joanna :

Die Mitarbeit im Projekt ‚Töchter der Kriegseltern‘ trug wesentlich zur Auseinandersetzung mit meiner Familiengeschichte bei. Insbesondere die deutsch-polnische Dimension und Vergleiche von Biografien unterschiedlicher Frauen und ihrer Herkunftsfamilien beeinflussten und korrigierten nachhhaltig meine Sichtweise der Täter-Opfer-Zuschreibungen. Mein Interesse an interkultureller Biografiearbeit erhielt hier viele wertvolle Impulse und Anregungen.”

Die in Berlin lebenden polnischstämmigen Frauen waren im Austauschprozess von großer Bedeutung, sie stellten Brücken der Begegnung her, waren Mittlerinnen zwischen den Welten. In Krakau und Berlin arbeiteten die Frauen-Gruppen zum Thema der generationsübergreifenden Folgen des zweiten Weltkrieges mit einem jeweils anderen Ansatz. Auch drei Generationen nach dem Weltkrieg sind bei den Krakauerinnen Beklemmungen, sich einem belasteten Ort wie Berlin zu nähern, spürbar. Umgekehrt hat jemand wie ich, die ich mich aufmachte, hinter das Schweigen in meiner Familie zu schauen, in Krakau Erschütterungen zu verarbeiten.

Die Psychotherapeutin Anna Leszczinskaya-Koehnen schreibt in der Zeitschrift ‚Psyche‘ vom April 2016 in einem Überblicksartikel zu den Forschungen der Arbeitsgruppe aus den 50er Jahren um Antoni Kepińsky, Krakauer Psychiater, zu den Folgen der KZ-Haft Auschwitz Überlebender :

Es braucht die Anstrengung mehrerer Generationen, um die Welt wieder zu einem Ort werden zu lassen, dem man vertrauen, an dem man sich beheimaten kann.“ 1

Ich habe in der Gruppe ‚Töchter von Kriegseltern‘ die Geschichte von Irmgard Heiss vorgestellt. Es gibt in meiner engeren Familie zwei Opfer der Nazi-Herrschaft.

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Ca. 1913

Irmgard Heiss, geb. 1897 (im Bild links), war die Schwester meiner Großmutter. Sie starb 1944 an den Folgen der Hungerbehandlung in der Anstalt Weilmünster. Ihr Bruder Karl Friedrich Stellbrinck, geb. 1894, protestantischer Pfarrer in Lübeck (im Bild rechts), schloss sich um 1940 einer Gruppe von katholischen Geistlichen an, die der Gleichschaltung der Meinungen und dem Terror trotzte. So betreuten sie Zwangsarbeiter, darunter viele Polen, seelsorgerisch und verbreiteten heimlich die Hirtenbriefe und Predigten des Bischhofs von Galen aus Münster in der Stadt Lübeck. Die Predigten des Bischhofs waren 1941 die einzigen offenen und politischen Proteste gegen die geplanten und von Ärzten durchgeführten Krankenmorde im Deutschen Reich. Irmgards Bruder, der an die Familie appellierte, die Schwester aus der Hungeranstalt abzuholen, wurde noch vor dem Tod seiner Schwester gemeinsam mit den drei Kaplänen hingerichtet.

Irmgards Jugendfreundin Hildegard Dieckmeyer, geb. 1895 (Bildmitte), heiratete Karl-Friedrich und blieb nach seiner Hinrichtung mit vier Kindern zurück.

1940 ist mein späterer Großvater mütterlicherseits als Wehrmachtssoldat in Tarnow . Obgleich Sozialdemokrat von Gesinnung und nicht NSDAP-Mitglied, ist er – wie schon im ersten Weltkrieg in Belgien – williger Vollstrecker beim Überfall auf Polen.

In einem Brief an seine Tochter schreibt er aus Tarnow, er müsse den Brief nun schließen, um die „Pflicht eines deutschen Mannes“ zu erfüllen.

Als am 7. September 1939, also gestern vor 77 Jahren, die deutschen Verbände 65 km östlich von Krakau die Stadt Tarnow, auf einem Ausläufer der hohen Tatra, besetzten, begann auch dort augenblicklich der Terror. Von den 40 Synagogen der Stadt mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von etwa 50%, waren bis November 1939 alle zerstört. Die ansässigen Juden sowie diejenigen der Umgebung, zunächst zur Zwangsarbeit gepresst, wurden ab 1942 auf unvorstellbare Weise in der Stadt ermordet.

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Der jüdische Friedhof von Tarnow im Sept. 2016

(Informationen über Tarnow: Denkmal für die ermordeten Juden Europas, www.stiftung-denkmal.de/ Israel Unger, Carolyn Gammon: Das ungeschriebene Tagebuch des Israel Unger, 2014)

Der polnischen Bevölkerung wurde von den Besatzern bekanntlich nur ein Daseinsrecht als Arbeitssklaven zugestanden. Das Generalgouvernement sollte lediglich ein Arbeitskräftereservoir für die „Herrenmenschen“ darstellen, höhere Bildung war für Polen verboten. Menschen wurden rücksichtslos von der Straße weg zur Zwangsarbeit ins fremde, feindliche Deutschland entführt, von ihren Familien getrennt. Viele von ihnen erkrankten unter diesen Umständen und wurden in Psychiatrien eingeliefert. Auch an Tuberkulose erkrankte Zwangsarbeiter gehörten zu den Opfern. Kinder der ZwangsarbeiterInnen wurden nicht versorgt und verhungerten in Sammelstellen der Lager, euphemistisch „Ausländerkinderpflegestätten“ genannt, während die Mütter zur Arbeit gezwungen wurden. Auch dieses große Leid mit seinen Auswirkungen ist noch kaum aufgearbeitet.

Anna Leszczinskaya-Koehnen weist in ihrem Artikel darauf hin, in der deutschen Geschichtsaufarbeitung sei bisher nur ungenügend wahrgenommen worden, dass der Vernichtungskrieg nicht erst mit dem Angriff auf die Sowjetunion begann, sondern schon mit dem Überfall auf Polen. Hierzu schreibt sie: „Bei dem Plan, die polnische Führungsschicht zu eliminieren, spielten Lager und Gefängnisse eine zentrale Rolle und zu diesem Zweck wurde auch das Konzentrationslager Auschwitz gegründet, wo der erste Transport polnischer Häftlinge im Juni 1940 eintraf.“ 3 Dieser erste Transport erfolgte aus Tarnow. Ich erinnere mich an das gemeinschaftliche Schweigen, wenn sich die Männer meiner Familie auf den Familienfeiern, innerlich wohl in ihren Kriegserinnerungen, zum Rauchen zurückzogen. Ein beklemmendes und vielsagendes Schweigen war das. Wir Kinder wussten intuitiv, dass sich dahinter schreckliche Dinge verbargen. Wir hassten diese Zusammenkünfte, auf denen die dicken Nebelschwaden der undurchsichtigen Vergangenheit sich immer wieder aufs Neue zusammenzogen, wie der Zigarettenrauch. Mit wem hätten unsere Großväter und Väter auch darüber sprechen können? Einer aus der gleichen Stadt, etwas jünger als mein Großvater und im Gegensatz zu ihm ehemaliges SS-Mitglied, hat noch bis vor kurzem unerkannt dort ein ruhiges Leben geführt. Mit 94 Jahren wurde Reinhold Hanning als ehemaliger SS-Wärter in Auschwitz vor kurzem in einem international stark beachteten Prozess zur Verantwortung gezogen und zu vier Jahren Haft verurteilt.

Als ich an diesem gerade zurückliegenden 1. September meinen Aufenthalt hier in Krakau antrat, sah ich am Morgen all die ordentlichen und schick gemachten Schüler mit ihren Eltern und Großeltern im Schlepptau in die Versammlungshallen zur Schuljahresfeier eilen. Słavka erzählte mir, dass das für sie als Kind ein eher belastetes Ritual war. Schule und Kriegsbeginn seien auf diese Weise unglücklich miteinander verschmolzen worden. Ich dachte bei dem Anblick der vielen feierlich gestimmten Kinder und Jugendlichen: Auf diese Weise wird die Vergangenheit mit jedem Schuljahresbeginn symbolisch immer wieder aufs Neue besiegt.

Psychotherapeuten wie Dan Bar On (1997) und Isidor Kaminer (2006) berichten darüber, wie sehr Kinder für die Überlebenden der Shoah ein Stück Heilung bedeuteten. Es war schwer für sie, sich in ihrer Elternfunktion zur Verfügung zu stellen. Denn die Kinder und Enkelkinder der Traumatisierten stellten häufig ein psychisches Regulativ für ihre Angehörigen dar. Doch zahle die nächste Generation einen hohen Preis für solche unbewussten Verkettungen zwischen den Generationen. Die Folge sei gewesen, dass diese Kinder kaum einen eigenen Raum für ihr eigenes innerpsychisches Erleben entwickeln konnten und nur schwer Abgrenzungsfähigkeit von der Elterngeneration erlangten.

Die Arbeiten der Forschungsgruppe um Antoni Kepińsky aus der Krakauer Psychiatrie Kobiercyn haben schon in den 60er Jahren zu einem veränderten Traumabegriff beigetragen. Damals erlebte Europa den Höhepunkt des Kalten Krieges und ein Austausch mit Ärzten aus Deutschland fand kaum statt. In Psychotherapien in Deutschland wurden bis in die Gegenwart hinein die Zusammenhänge zwischen psychischen Störungen und Kriegstraumata ausgeblendet. Der Psychotherapeut und Hochschullehrer Radebold z.B. berichtet, wie Anträge auf Forschungsmittel zu diesem Feld immer wieder abgelehnt wurden. Erst jetzt bricht das Schweigen unter den Anstrengungen der nächsten Generation auf, die Welt wieder zu einem bewohnbaren Ort zu machen. Der Raum, in dem das möglich war, musste durch diese Erinnerungskultur erst geschaffen werden. Es ist eine Art von Graswurzelbewegung. In unserer Kriegstöchter-Gruppe stärkten wir uns gegenseitig beim Zuhören, durchlebten gemeinsam Trauer, sangen Lieder zusammen, begegneten uns auf einer tieferen Ebene.

Die Geschichte von Irmgard Heiss wurde über Jahrzehnte verschwiegen, ihr ein Platz im Familiengedächtnis verweigert. Sie ist auch diejenige einer ausgegrenzten Frau, die das weibliche Pflichtprogramm einer bürgerlichen Familie aus der Zeit zwischen den Weltkriegen nicht leben konnte und es wohl auch nicht leben wollte. Arm, weiblich, ausgegrenzt, diese Lebensumstände formten häufig den Hintergrund einer psychischen Erkrankung. Erst seit einigen Jahren ist in Deutschland die Situation eingetreten, dass eine Handvoll Angehöriger begonnen hat, die Biografien der Ausgegrenzten aufzuarbeiten. Eine davon, Johanna Herzing, ist Rundfunkredakteurin beim Sender Deutschlandradio. Sie hat dem Schicksal ihrer Tante Trude nachgespürt, die im damaligen Meseritz Obrawalde (Miedzyrzecz Obrzycach) ermordet wurde. Ihr Radio-Feature „Tante Trude“ kann man nachhören. Bei ihrer Recherche trifft sie am Ort einen jungen Psychologen, Lukasz Packowski. Du willst wissen, welchen Einfluss das auf die nachfolgende Generation in Deiner Familie hat, oder?“ wird er im Rundfunkfeature zitiert. „Ich weiß nicht, was den größten Einfluss hat: Der Umstand, dass jemand in der Familie psychisch krank war. Oder dass jemand umgebracht wurde, der psychisch krank war. Oder dass man einer Nation angehört, die sich für die ‚Euthanasie‘ psychisch Kranker entschied.“ 4 Ich würde die Frage für mich so beantworten: Es war nicht entscheidend, dass jemand in der Familie psychisch krank war. Ich empfinde als das Schlimmste, dass meine Familie einen Menschen aus ihrer Mitte ausgeliefert hat, obwohl sie spätestens seit 1941 über die Morde informiert war. Dies war wohl nur möglich in einer Nation, die sich für die Ermordung Kranker entschied. Die Kranken- oder unangepassten Menschen am Rand, sie alle galten den Menschen dieser Gesellschaft ebenfalls als ‚Untermenschen‘. Leisteten sie nicht genug für die Volksgemeinschaft, hatten sie ihr bisschen zugestandenes Lebensrecht verloren.

In der Ausstellung über die deutsche Besatzungszeit im Museum ‚Schindlers Fabrik‘, finde ich zu ‚Krakau als Hauptstadt des Generalgouvernements‘ folgende Aufnahme aus einer Ausstellung für die deutschen Besatzer in den Tuchhallen auf dem Hauptmarkt von Krakau, 1944:

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WENN DIE KRAFT ZUM KAMPF UM DIE EIGENE GESUNDHEIT NICHT MEHR VORHANDEN IST ENDET DAS RECHT ZU LEBEN IN DIESER WELT DES KAMPFES“, lautet die Inschrift.

Was auch in Polen noch wenig bekannt ist: Beim Vormarsch der deutschen Verbände wurden auf polnischem Gebiet ganze Psychiatrien liquidiert. Die Ermordung von psychisch Kranken in Polen durch SS-Verbände unter den Augen der Wehrmacht gleich zu Beginn des Krieges gilt als vorbildhaft für die planmäßigen Krankenmorde im Reich und als Auftakt der Judenvernichtung. Der 1. September 1939 war zugleich das Datum des Beginns der Krankenmorde, geplant und ausgeführt von Ärzten und Bürokraten der Arbeitsgruppe, die in einer Villa mit der Adresse Tiergartenstraße 4 (T4) in Berlin ihren Sitz hatte. Hitler ließ symbolträchtig den sogenannten „Euthanasie Erlass“ vom Oktober auf den Beginn des Krieges zurückdatieren und unterstrich damit: Die Kranken, Andersartigen und Unangepassten, verkörpern einen Inneren Feind‘, den es in der eigenen Volksgemeinschaft zu eliminieren gilt. Aus polnischer Sicht zitiere ich hierzu Tadeusz Nasierowski (2006) in einem Artikel des ‚International Journal of Mental Health‘: Die Vernichtung der Geisteskranken während des zweiten Weltkrieges ist eine auch unter Psychiatern wenig bekannte Tatsache. Durch den Holocaust in den Schatten gestellt, hatte sie keine Chance, auf Dauer in das Gedächtnis der nachkommenden Generation zu gelangen. Und doch war es der Anfang vom Völkermord, ein Versuchsgelände, das den Nazis dazu diente, wirksame Methoden des industriemäßigen Tötens von Menschen zu erarbeiten.“ 5

An der Adresse Tiergartenstraße 4, direkt an der Berliner Philharmonie, befindet sich seit einiger Zeit ein Gedenkort, der über die Zusammenhänge umfassend informiert. Ein Förderkreisals e.V. hat sich gegründet, um weitere Schicksale aufarbeiten zu helfen, die Erinnerung lebendig zu halten, die Gegenwart zu prüfen und endlich die Namen der Opfer zu nennen. Jeder kann mitarbeiten. Informationen hierzu finden sich auf www.gedenkort-t4.eu. Die Webseite ist auch in polnischer Sprache verfügbar. Anna Leszczinskaya-Koehnen zitiert am Ende ihres Artikels einen ehemaligen Patienten mit den Sätzen: „Unser Leben ist sehr von dieser schlimmen Vergangenheit bestimmt, nach wie vor. Mich fordert diese Last auch heraus, tiefer zu leben und zu geben, als dies vielleicht ohne diese Vergangenheit der Fall wäre.“

1 Anna Leszczynska-Koenen, 2016, Psychiatrie nach Auschwitz. Psyche, Heft 5, Mai 2016: 406, 393.
2 Frank Schneider, Petra Lutz, (Hg. DGPPN 2014), Ausstellungskatalog „erfasst, verfolgt, vernichtet; Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“
4 Johanna Herzing, 2016, Tante Trude, Erinnerungen an einen Euthanasiemord. Feature/Hörspiel, gesendet am 31.5. 2016. Deutschlandfunk.de/tante-trude-erinnerung-an-einen-euthanasiemord-pdf.media, abgerufen am 8.9. 2016.
5 Gelsenzentrum.de/ns_krankenmorde_polen.html, abgerufen am 7.9. 2016, in einer Übersetzung der Originalfassung. In: International Journal of Mental Health 35/3: 50 – 61, Tadeusz Nasierowski, 2006, In the Abyss of Death: The Extermination of the Mentally Ill in Poland During World War II: 50 – 61.
 

 

 

 

E-mail an Joanna 2

von Barbara Stellbrink-Kesy

9. 9. 2016

Liebe Joanna,

Krakau ist immer noch spätsommerlich heiß. Fast wie im Süden und passend zu der italienisch beeinflussten Architektur und den kleinen Märkten mit den köstlichen, gebackenen Kringeln, die ich bisher immer nur mit türkischen Städten in Verbindung gebracht hatte. Gestern bin ich durch die Altstadt zu eFKa gegangen, statt wie üblich den weiten Blick des Weges an der Weichsel entlang zu genießen, am Wawel vorbeizuwandern, an der Paulinerkirche den Hof zu überqueren und zwischen den alten Steinmauern der Katharinenkirche entlang ins Kazimierz zu gelangen. Selbst auf dem deichartigen Weg, der gleich unter der Festungsmauer des Wawel den Fluss begleitet, wehte kein Lüftchen. Mich lockte der Schatten in der Stare Miasto.

Unterwegs packten mich Percussionrhythmen und fuhren mir sofort in die Beine. Ich bin immer wieder verblüfft über die Straßenmusik in Krakau. Ich habe den Eindruck, die halbe Stadt ist musikalisch unterwegs und – hochbegabt. Unglaublich gute Jazzmusiker, die sich noch nicht einmal rasieren müssen (…häufiger junge Männer). Auf dem Honigmarkt im Kazimierz neben den Ständen von Imkern aus ganz Polen, mit ihren in allen Bernsteinfarben leuchtenden Gläsern Honig, eine Bühne, auf der eine Band mit einer Schlagzeugerin und einer jungen Frau mit einer Stimme wie Ella Fitzgerald auftraten. Wieder war es erstklassige Musik.

Auch erstaunlich ist die Geschicklichkeit, mit der hier viele Frauen auf hohen Absätzen anmutig über das oft sehr unebene und – zumindest im Kazimierz – schadhafte Straßenpflaster balancieren. Diese Vorliebe für hohe Absätze – und der Bedarf -, zeichnet sich auch im Schaufenster der kleinen Schusterwerkstatt, gleich neben dem Haus von eFKa, an der Ulica Krakowska ab:

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Am Tag zuvor wurde das schöne, schmiedeeiserne Fenstergitter frisch gestrichen. Das Haus ist lange Jahre wegen ungeklärter Besitzverhältnisse von der Stadtverwaltung nur äußerst notdürftig erhalten worden. Es war wohl auch in jüdischem Besitz. Welche Geschichte sich wohl hinter den Mauern verbirgt? Vielleicht wird sie auch eines Tages erzählt werden. Gut, dass die Gebäude solch eine solide Bausubstanz haben. Eigentlich ist das Haus nämlich ein massives Gebäude, fast wie ein kleiner Stadtpalast. Nach dem Eingang erwartet Besucher wie Bewohner einer dieser für die Altstadt Krakaus typischen, ewig langen Gänge im Innern. Zunächst führt er in eine erstaunlich Tiefe in das Gebäude hinein. Manchmal sind diese Gänge wie Gewölbe, Restaurants breiten sich darin aus. Dieser hier im eFKa- Haus ist schmal. Unwillkürlich denke ich an eine Geburt, wenn ich hindurchgehe. Und als würde man neu geboren, steigt man dann auch die eindrucksvolle Holztreppe hinauf und freut sich über das warme Licht, das einen am Ende erwartet- und hinüberleitet in die wohnlich gemachten Räume mit der Bibliothek im Zentrum.

Heute ist auch das erste Drittel des Ganges beleuchtet, als ich die Haustür aufschließe. Eine der Glühbirnen in diesem Abschnitt gibt einen zarten Lichtschein. Hat jemand gezaubert?

Die Ausstellung habe ich schon am Tag zuvor gehängt. Hier einige der Arbeiten:

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Słavka und Beata deuteten mir rechtzeitig an, die Zuhörer seinen am meisten an Irmgards Schicksal interessiert. Große Anteilnahme, sehr viele Nachfragen, ungläubige und betroffene Gesichter in der Runde angesichts ihrer Geschichte!

Hier nennen sie sie ‚Irma‘ (‚Irmgard‘ ist im Polnischen zu unaussprechlich). Es passt gut, sehr gut sogar: Einen ihrer Briefe unterschreibt sie sogar mit „Eure Irma!“

Unten noch einmal ihr Portraitfoto, das sie im Alter von etwa siebzehn Jahren zeigt. Die eFKa-Frauen hatten es auch für die Einladung zur Veranstaltung verwendet. Es beeindruckt natürlich immer. Dieser tolle Hut! (Hier tragen die Frauen auch gern Hüte.) Und die sprechenden und etwas schwermütigen Augen darunter! Es wurde gleich angemerkt, dass sie nicht lächelt. Aber das war damals nicht üblich, auf Fotografien zu lächeln.

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Schon auf dem Abend mit den Teilnehmerinnen des ‚Laboratorium der Erinnerung‘ eine Woche zuvor, war das Interesse an ihrer Biografie groß. Scharfsinnige Fragen wurden gestellt. Es stellte sich heraus, eine der Frauen war lange Jahre Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe um den Psychiater Antoni Kępiński an der hiesigen Universitäts-Psychiatrie gewesen, den Du auch schon erwähnt hattest. Im Frühjahr dieses Jahres ist ein Heft der Zeitschrift ‚Psyche‘ zu dem Themenkreis der Traumaverarbeitung über Generationen erschienen, in dem ein Überblicksartikel zu der Arbeit dieser Forschungsgruppe zu den Auswirkungen der erlittenen Auschwitz-Erfahrungen auf die Überlebenden enthalten ist. Diese Arbeitsgruppe hat nicht nur schon in den 50er Jahren mit Beteiligung der Betroffenen hierzu geforscht, sie hat – so entnehme ich dem Artikel – zu dieser Zeit bereits die damalig gültigen Sichtweisen auf Traumata revolutioniert. Bis dahin waren die Psychiater unbeeindruckt (… mir scheint es stur und wider jede einfache, mitmenschliche Empathiefähigkeit…), davon ausgegangen, dass äußere Ereignisse keine Traumata mit bleibenden Persönlichkeitsveränderungen zur Folge haben könnten. Wirklich durchgesetzt, hat sich diese Erkenntnis der Arbeitsgruppe um Kępiński wohl immer noch nicht. Eine Traumatherapie, wie sie z.B. Luise Reddemann vertritt, ist wohl immer noch nicht wirklich anerkannt. Das berichtet jedenfalls die Kunsttherapeutin Susanne Lücke, die lange mit ihr an der Bielefelder Klinik zusammengearbeitet hat und deren Fortbildung ( zur kunsttherapeutischen Traumabegleitung) ich besuche.

Gut, dass ich das Heft dabei habe. Ich hoffe sehr, dass ich mit den Teilnehmerinnen am ‚Gedächtnislabor‘ noch weiter ins Gespräch komme.

Sławka hat gleich einen Besichtigungstermin an der Krakauer Psychiatrie ausgemacht!

Allgemeines Entsetzen darüber, dass ich nicht weiß, wo Irmgard begraben ist. Hier ist es ja für alle, gleich welcher Gesinnung und Einstellung undenkbar, die Gräber der Toten nicht zu kennen und nicht zu betreuen. Mir wurde empfohlen, den ersten November noch mit zu erleben, an dem sich alle Familien aufmachen um die Gräber ihrer Verstorbenen zu besuchen, die dann von tausenden Kerzen beleuchtet werden. Besonders in den Dörfern der hohen Tatra soll diese Illumination, weit sichtbar an den Berghängen, ein eindrucksvolles Erlebnis sein.

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Wir versammelten uns im Ausstellungsraum. Im Hintergrund der Veranstaltung, waren also daher an diesem Veranstaltungsabend symbolisch immer die Berliner ‚Töchter von Kriegseltern‘ mit dabei. Ich bin ganz zufrieden mit der Hängung (einen Blick in den Ausstellungsraum findest Du dann im nächsten Bericht). Erinnerst Du Dich?

Auf dem Rückweg dann begegnete mir vor der Bernhardinerkirche am Wawel eine sterbende Kastanie, die – schon ganz ohne Blätter – sich mitten im September mit letzter Kraft noch einmal wenige rührende Blütenkerzen aufgesteckt hat.

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Ich hätte sie am liebsten inmitten all der Touristen tröstend umarmt (…habe es natürlich nicht getan). Sie ist noch gar nicht so groß, längst nicht so mächtig wie die Kastanien der Planty-Promenade am Barbakan oder an der Jagiellonen Universität, deren Wipfel allein den Krähen gehören. Sie hätte eigentlich noch ein paar gute Jahre an diesem schönen Ort haben können.

Herzliche Grüße, Barbara